Beethoven-Zyklus : Heldengeschichten aus dem Wiener Wald

Von Genießern für Genießer: Christian Thielemanns Beethoven-Zyklus in der Berliner Philharmonie.

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In der Höhle des Löwen. Maestro Thielemann und die Wiener Philharmoniker im Scharoun-Bau am Kulturforum.
In der Höhle des Löwen. Maestro Thielemann und die Wiener Philharmoniker im Scharoun-Bau am Kulturforum.Foto: Peter Adamik

Popmusik-Kritiker benutzen gerne den Begriff old school. Allerdings nicht im Sinn von „ganz die alte Schule“. Gemeint ist eher etwas Gestriges – jedoch nicht automatisch mit pejorativem Unterton. Ist beispielsweise ein DJ old school, kommt er bei seiner Arbeit ohne den neuesten technischen Schickschnack aus. Da schwingt Achtung vor traditionellem Handwerk mit.

In diesem Sinne ist Christian Thielemann echt old school. Wenn der Dirigent mit den Wiener Philharmonikern Beethovens Sinfonien-Zyklus erarbeitet, wählt er nicht die allerneueste, quellenkritische Partitur-Ausgabe. Nein, er benutzt das Notenmaterial aus dem Archiv des österreichischen Traditionsorchesters. Weil er sich von der Vergangenheit inspirieren lassen möchte, von den Gedanken unzähliger bedeutender Maestri, die sich hier in Bleistifteintragungen wie in rein gedanklicher Form zwischen den Zeilen abgelagert haben. Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen.

Dieser Zugang durch die historische Hintertür macht nicht nur die konservativen Hörer neugierig. Warum nicht mal wieder eine romantisierende Lesart nach all den historisch informierten, musikgeschichtlich korrekten, auf alten Instrumenten aus dem Geist seiner Zeitgenossen erspürten Beethoven-Deutungen? Warum nicht mal wieder eine Interpretation, die aus der Zukunft auf den Komponisten zurückschaut – und dabei all jene ästhetischen Umwälzungen mitdenkt, die Beethovens bahnbrechende Werke den nachfolgenden Generationen erst ermöglicht haben?

An vier Abenden hat Christian Thielemann das Panorama seiner Sicht auf die Sinfonien jetzt auch mit den Wienern in der Berliner Philharmonie aufgeblättert: Los ging’s am Mittwoch mit der 4. und 5., tags darauf folgten Nr. 6 und 7. Das Wochenende wurde dann zum Kompakt-Seminar, mit den ersten drei Sinfonien am Sonnabendabend und den letzten beiden am Sonntagvormittag. Ein Parforceritt für alle beteiligten Künstler, gedanklich wie physisch.

Und für die Fans ein Fest. Bei Ticketpreisen von bis zu 130 Euro pro Einzelkarte ist die Philharmonie bei jedem Konzert bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Konzentrationswille der Zuhörer ist deutlich spürbar im Saal, die Ergriffenheit auch; manch einer tupft sich dezent eine Träne aus dem Augenwinkel.

Christian Thielemann, der gefeierte Wagner-Dirigent, erweist sich auch bei diesem Sinfonien-Zyklus als Musiktheatermann. Er ist eben kein strukturell denkender Analytiker, sondern ein Stimmungsmusiker, ein Meister der raffiniert angelegten Steigerungen. Und ein Genussmensch, der im prachtvoll sich aufspreizenden Tuttiklang schwelgt, der den Augenblick auskostet. Und der das scharf akzentuierte, gestische Spiel liebt. Dafür arbeitet er gerne mit Kontrasten, nimmt beispielsweise den Eröffnungssatz der Siebten sehr aggressiv, um dann das Allegretto umso inniger anschließen zu können.

Für Leichtigkeit, gar Humor ist bei diesem Beethoven kein Raum. Thielemann interessiert das Titanische, nicht das Tänzerische. Hier hat alles Gewicht, selbst in der ersten und zweiten Sinfonie entdeckt der Dirigent bereits die revolutionäre Kraft, die heldische Attitüde der „Eroica“. Markant, nicht charmant setzt er die Akzente in der Achten. Eine interpretatorische Haltung, auf die man sich einlassen wollen muss. Die dann aber sehr authentisch wirkt.

Wo sich Thielemann größere Freiheiten herausnimmt, geht es meist um besonders breit ausgespielte Passagen oder theatralisch gesetzte Generalpausen. Am weitesten vom common sense entfernt er sich dabei in der Sechsten, die bei ihm zur Pantoffel-„Pastorale“ wird. Hier riecht nichts nach freier Natur, dies ist eine Sinfonie für Stubenhocker, mit sehr behaglichen Tempi – als ließe man sich von einem Wanderer am heimischen Kaminfeuer berichten, was er da draußen so alles erlebt hat.

Dort, wo sich Beethoven auf formale Aspekte konzentriert, vor allem in der Vierten und Siebten, wo er tief in die motivisch-thematische Arbeit einsteigt, ist Thielemann emotional deutlich weniger involviert. Dann wählt er rasante Tempi, flüchtet ins Perpetuum-Mobile-Hafte – und kann sich dabei auf die Brillanz der Wiener Philharmoniker verlassen.

Ganz nah an seinem Herzen sind dagegen die „männlichen“, die emphatischen Sinfonien. Die Eroica und die Fünfte werden zu Höhepunkten des Zyklus’. Hier hat alles eine unabweisbare Dringlichkeit, hier gelingt es Thielemann, selbst jene Hörer mitzureißen, die eigentlich Vorbehalte haben gegen jede Form von Überwältigungstaktik.

So wird aus dem Beethoven-Zyklus dann doch ein Bühnenfestspiel in vier Tagen, mit der Neunten am Sonntag als „Götterdämmerung“: Extrem wuchtig zu Beginn, dann gottesdienstlich-feierlich, im Finale mit dem grandiosen Rundfunkchor Berlin schließlich getragen von einem – in jedem erdenklichen Sinne – erschütternden Pathos.

Und die Wiener Philharmoniker? Erweisen sich definitiv als old school. Tief verwurzelt in der Tradition, ein Markenprodukt seit 1842, in Sachen Imagepflege eindeutig festgelegt auf die gute alte Zeit. Auch wenn Simon Rattles Musiker nicht müde werden zu betonen, wie freundschaftlich sie den Kollegen aus Österreich verbunden sind – mit dem Gastspiel in der Philharmonie wagen sich die Wiener in die Höhle des Löwen.

Am ersten Abend lässt man sich noch gerne beeindrucken vom raumgreifenden Streicherklang des Orchesters. Doch spätestens am zweiten Abend fällt unangenehm auf, dass hier etwas mit der Klangbalance nicht stimmt. Die Holzbläser werden vom sahnigen Sound der Saiteninstrumente nämlich konsequent untergebuttert. Vor allem die ersten Violinen machen unmissverständlich klar, warum sie in Österreich Primgeiger genannt werden. Sie drängen sich konsequent in den Vordergrund, selbst dann, wenn sie nur Begleitfiguren zu spielen haben. Kollegial ist das nicht. Und meilenweit entfernt vom Ideal des Aufeinander-Hörens, das die Berliner Philharmoniker seit der Ära Claudio Abbados pflegen.

Dass sich am Ende eines solchen Zyklus’ Erschöpfung breitmacht, dass Hörner kieksen oder ein Streichereinsatz mal schlierig klingt – geschenkt. Doch was ihre geistige Grundhaltung betrifft, müssen die Wiener Philharmoniker höllisch aufpassen, nicht ins Museale abzugleiten. In Berlin gibt es mindestens drei Orchester, die derzeit spannender klingen: Das DSO ist in seinen besten Momenten präziser im Zusammenspiel, die Staatskapelle im Tutti ausgewogener, und Simon Rattles Orchester deutlich wendiger, wacher, stilistisch flexibler.

Die Wiener musizieren, wie sich ihre Heimatstadt anfühlt: im Gestern gefangen. Nun ist es ja nicht so, dass die kollektive K.u.k-Nostalgie keinen Charme hätte. Vier Konzerte lang lässt sich ein Klang aus fernen Zeiten durchaus mal genießen in der Philharmonie – mit der Gewissheit, dass ab Donnerstag hier wieder die Heim-Mannschaft aufspielt. Nach allen Regeln der new school.

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