Beethovens Messe : Religion als Extremsport

Religion als Extremsport: Die 1824 uraufgeführte Messe, die Beethoven als sein größtes Werk bezeichnet hat, ist der Kampf eines mit dem Glauben ringenden Menschen – ist eine rechte, aber womöglich lohnende Zumutung.

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Sie ist eine rechte Zumutung, diese Messe, die Beethoven als sein größtes Werk bezeichnet hat. Die schmerzhaften Höhen für die Soprane und Tenöre, die vertrackten Fugen im „Gloria“ und im „Credo“, die irrwitzige Temposteigerung des „Et vitam venturi“, das fast durchgängige OrchesterForte des weitgehend ertaubten Komponisten, das den Solisten die Anstrengung abverlangt, sich immer wieder Gehör verschaffen zu müssen – die „Missa solemnis“, so scheint es, will weniger überzeugen als überreden. Religion als Extremsport: Die 1824 uraufgeführte Messe ist aber auch der Kampf eines mit dem Glauben ringenden Menschen – also eine womöglich lohnende Zumutung.

Ein Ausrufezeichen zu Beginn des Beethoven-Zyklus von Marek Janowski und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, beziehungsweise bereits das zweite nach dem Auftakt mit Beethovens Neunter zu Silvester (am Sonntag geht es weiter mit der 4. und 5. Sinfonie sowie dem 4. Streichquartett c-moll). Beethovens Aufstampfen, Aufbäumen, Auftrumpfen, die nur kurz von modalen Einfärbungen, liturgischen Wendungen und Momenten des Schauderns durchsetzte Unbedingtheit ist für Janowski weniger eine Frage der inneren Kraft als tatsächlich der Lautstärke.

Wunderbar in Bewegung gesetzt

Metallische Höhen, Triumph des Tutti, ein feste Burg ist dieser Gott: Das geradlinige Temperament des 71-jährigen RSBChefs kommt Beethovens Extrovertiertheit entgegen, auch wenn dieMesse an diesem Abend in der Philharmonie vor lauter Solidität eine gewisse Steifheit an den Tag legt, beim Rundfunkchor wie beim Solistenquartett Camilla Nylund, Iris Vermillion, Mark Padmore und Franz Josef Selig. Blockbildung statt Klangmalerei, Katharsis eines Titanen: Das RSB legt großen Eifer an den Tag, wobei mancher Tempowechsel, mancher Stimmungsumschwung verrutscht, manches Horn, manche Posaune kaum nachkommt.

Der Augenblick der Kontemplation beim innigen „Et incarnatus est“ ist dabei weniger Ausdruck der Demut als der Erschöpfung. Auch die dem tastenden „Sanctus“-Beginn folgenden Wagner-Anklänge, die virtuose Solovioline des „Benedictus“, das finale Flehen der Solisten um Frieden – all das dringt nicht recht durch vor lauter Fanal, Fanfare und Festlichkeit.

Vielleicht liegt es daran, dass der Rundfunkchor und Tenor Mark Padmore erst kürzlich für Bachs „Matthäuspassion“ von Peter Sellars so wunderbar in Bewegung gesetzt wurden und dass auch der Choir of the Enlightenment bei Monteverdis „Marienvesper“ letzte Woche ebenfalls in der Philharmonie zeigte, wie beseelend Reduktion sein kann. Der schlanke, mobile Klang ergreift einen mehr als Beethovens Monumentaltheater.

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