Kultur : Befahrbare Körper, versteinerte Herzen Eine Ausstellung im Haus der Kulturen sucht

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Von Christine Meffert

Am Rande des UIA-Weltkongresses der Architektur, der von kommendem Samstag bis zum Mittwoch in Berlin stattfinden wird, macht auch die katholische Guardini-Stiftung einen Versuch der Stadterkundung: Einen scheinbar unspektakulären und leicht übersehbaren Versuch – sehr sparsam in seinen Mitteln, aber dafür um so anspruchsvoller in seiner Zielsetzung. Es ist eine Erkundung, die sich nicht der äußeren Erscheinung, nicht dem steinernen Körper der Metropole widmet, sondern dem, was Stadt noch ausmacht – über die Summe ihrer Gebäude, Straßen und Bewohner hinaus. Es ist eine Suche nach dem Kern des Urbanen, nach dem „Geist“ und der „Seele“ der Stadt.

Diesem immateriellen Ansatz entspricht die Art der Darstellung im Haus der Kulturen der Welt. In der Ausstellungshalle schwebt auf Augenhöhe ein so genanntes „digitales Dekagon“ – ein Zehneck, dessen Wände zu Projektionsflächen für Stadtvisionen aus allen Jahrhunderten werden. Wie sich die Psychoanalyse der Seele über die Sprache nähert, so haben auch die Gestalter dieser Bild-, Text- und Klang-Installation versucht, die Seele der Stadt wiederzufinden: In der Sprache der Architekten, der Maler, der Fotografen, Schriftsteller und Philosophen.

Neben vielen Einzelaspekten wie etwa der Eroberung der Städte durch das Auto, der Atmosphäre städtischer Boulevards oder der Schifffahrt in der Stadt wird in zahllosen Bildern, Zitaten und auch auf der akustischen Ebene immer wieder der sakrale Aspekt der Stadt betont. Die geistige Struktur der Stadt mit der Kirche als Zentrum wird sichtbar in mittelalterlichen Stadtplänen, die an Zellkerne erinnern und sich abwechseln mit Bildern der Heiligen Familie auf ihrem Weg nach Bethlehem. Es folgen Gemälde von Kathedralen, begleitet von Renaissancedarstellungen des Menschen und schließlich Ansichten Roms, der ewigen Stadt. Auch die Baukunst galt als Gottesdienst, die Metropolen wetteiferten untereinander um den Ehrentitel eines „Neuen Jerusalem“. Für das Gegenteil, die Anmaßung des Menschen, sich mit seinen Bauten ein Denkmal setzen und Gott als Schöpfer herauszfordern zu wollen, steht der Turmbau zu Babel. Das babylonische Skyscraper-Projekt wird, wie überhaupt die Errichtung von himmelsstürmender Architektur, mit vielen Darstellungen thematisiert. Ein Zitat von Sophokles - „Ungeheuer ist vieles, aber nichts ist ungeheurer als der Mensch.“ – gibt die Denkrichtung vor.

Aber nicht nur die Auseinandersetzung mit Gott, auch der Sturz Gottes durch die Moderne lässt sich schließlich an den Plänen der Architekten ablesen.In einigen ihrer Zukunftsvisionen ist die Stadt nur mehr eine Ansammlung von Waben, ein Netz ohne Zentrum. Waben, Zellen, Netze: So gestaltreich wie die Stadt selber ist auch ihre Metaphorik. Hegel sah sie als „riesenhaftes, Himmel und Erde, Gut und Böse zusammenfassendes Integralzeichen“, in dem sich „der Geist“ offenbare. Baudelaire hingegen bedauerte: „Leider ändert sich die Form einer Stadt schneller als das Herz eines Sterblichen.“ So hinterfragt die Installation einerseits das „menschliche Maß“ in der Architektur, andererseits die Rolle des Baumeisters als „Rivale Gottes“, wie ihn der französische Architekt Ledoux einmal nannte. Auch die Sehnsucht nach der „idealen“ Stadt – die Utopie – flackert in vielerlei Gestalt über die Projektionsflächen des Zehnecks.

Manchmal beginnen sich die Bilder in Bewegung zu setzen und umkreisen den Betrachter wie die Ringbahn Berlin und aus allen zehn Ecken erklingen „Stadtgeräusche“. Doch die Seele der Stadt bekommt man auch im Innern dieses Dekagons nicht zu fassen, das würde wohl Identität voraussetzen – eine Einheit, die gerade die moderne Stadt nicht mehr besitzt. Und dennoch meint der Betrachter, etwas von ihrem innersten Wesen zu begreifen, wahrscheinlich gerade wegen der Flüchtigkeit des Mediums und der Gleichzeitigkeit der verschiedenen visuellen und akustischen Eindrücke. Es ist, als sitze man tief drinnen im Bauch der Stadt.

„Geist und Seele der Stadt“, Haus der Kulturen der Welt, bis 25. August, Di bis So 12–20 Uhr. Am Di, 16. Juli, wird ein London-Film von Patrick Keiller, am Do, 18. Juli, der Los-Angeles-Film „LOS“ von James Benning gezeigt, jeweils 20 Uhr. Eintritt frei.

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