Kultur : Befangen im eigenen Land

JOHANNA ADORJAN

Etwas mehr als fünfzig Jahre nach dem Holocaust wird in Deutschland über Juden lebhaft diskutiert: Mahnmal oder nicht, und wenn ja, dann wie? Ist Walser ein Antisemit, darf Bubis ihn so nennen? Wiedergutmachungszahlungen an amerikanische Juden sind ein großes Thema in den Medien; Äußerst erfolgreich läuft Roberto Benignis "Das Leben ist schön" in den Kinos, ein Film, der den Holocaust zum Thema hat.Und doch: Über die Geschichte der Juden in Deutschland nach 1945 ist so gut wie nichts bekannt.Rund 100 000 Juden leben heute in Deutschland.Zwei von ihnen, der Regisseur Richard Chaim Schneider und der Produzent Janusch Kozminski, arbeiten seit vier Jahren an einem Dokumentarfilm, der da anfängt, wo der Holocaust aufhört: 1945, in Deutschland."Mir sejnen do ? Wir sind da!", so der jiddisch-deutsche Titel des Vierteilers, den der WDR im Herbst ausstrahlen wird, und der in gekürzter Fassung auch in die Kinos kommen soll.Er erzählt die Nachkriegsgeschichte der Juden in Deutschland, und das hat es so noch nie gegeben.

Der Film beginnt mit einem Spaziergang auf einem jüdischen Friedhof.Langsam fährt die Kamera über die Grabsteine.Hier liegen die Toten des Ersten Weltkriegs, die für ihr deutsches Vaterland gestorben sind neben den Toten des Zweiten Weltkriegs, die durch den Rassenwahn desselben Landes umkamen.Einige der Grabsteine tragen Todestage jüngeren Datums."Zoltan Schneider, 1920 - 1977" steht auf einem: Seinen Vater konnte Richard Chaim Schneider nicht mehr vor der Kamera nach dessen Erinnerungen befragen.Viele andere Zeitzeugen hat er interviewt, jüdische und nicht-jüdische, Prominente und unbekannte.Mit mehr als hundert hat er gesprochen, die Interviews sind mit Filmaufnahmen und Photos aus gegengeschnitten.

Herausgekommen ist eine packende Dokumentation deutscher Geschichte.Manchmal spannend wie ein Polit-Thriller.Wenn beispielsweise Shimon Peres erzählt, wie er Mitte der 50er Jahre unter strengster Geheimhaltung nach Bayern reiste, um im idyllischen Rott am Inn mit Franz-Josef Strauß über Waffenlieferungen an Israel zu verhandeln.Heute trägt dies fast komödiantische Züge.Wenn Niels Hansen, der spätere deutsche Botschafter in Israel von den Verhandlungen zum Wiedergutmachungsabkommen erzählt: Die eisige Atmosphäre zwischen jüdischen und deutschen Verhandlungspartnern lockerte sich erst, als sich ein Jude und ein Deutscher als ehemalige Schulkameraden wiedererkannten und gemeinsam eine Postkarte an ihren alten Klassenlehrer in Stuttgart schrieben.

Die Sequenzen wirken durch ihre Autentizität.Ein Mitankläger der Nürnberger Prozesse, der Amerikaner Benjamin Ferencz erzählt, mit welchen Gefühlen er nach Deutschland fuhr, um über Entschädigungszahlungen zu verhandeln."Einige der Fragen, um die es gehen würde, waren sehr grundlegend," sagt er: "Wieviel verlangt man für sechs Millionen Tote?" Plötzlich versagt dem alten Mann die Stimme, er fängt sich, fährt fort: "Du kannst doch nicht sagen, dein Großvater ist weniger wert als dein Vater." Einige Zeitzeugen sind KZ-Überlebende, auch die Mutter des Produzenten, die in Auschwitz befreit wurde.

Dennoch ist "Wir sind da!" keine deutsche Variante von Spielbergs Shoah-Stiftung, die die Erinnerungen von Überlebenden auf Film archiviert."Unser Film ist kein Holocaust-Film", sagt Schneider."Natürlich zeigen wir, welche Auswirkungen der Holocaust auf die Entwicklung der Juden in Deutschland genommen hat, aber wir konzentrieren uns auf die Nachkriegsgeschichte." Die beginnt 1945 für überlebende Juden damit, nach der Befreiung aus den Konzentrationslagern sofort wieder einkaserniert zu werden: Displaced Persons Camps nannte man die Lager, in denen Juden einer ungewissen Zukunft entgegensahen.

Alleine in Bayern lebten 1946 rund 200 000 Juden auf engstem Raum in den Camps zusammengepfercht, während sich das Leben draußen normalisierte.Im Film erzählen Menschen, die damals in diesen Lagern lebten, von den Spielfilmen, die sie dort drehten, um endlich wieder ein kulturelles Leben zu führen; von den vielen Kindern, die dort als Ausdruck eines wieder erwachten Lebensmutes auf die Welt kamen.Und vom Antisemitismus der Deutschen, den der Krieg nicht besiegt hatte: Seinen traurigen Höhepunkt fand er, als 1946 in einem Stuttgarter Lager während einer Razzia ein Jude von der deutschen Polizei erschossen wurde.Wer emigrieren konnte, der tat es.Aber: "Das Flüchtlingsproblem war damals nicht anders als heute auch", sagt Schneider."Im großen und ganzen haben die europäischen Nachbarländer nicht sehr viele Überlebende aufgenommen.Nach Palästina konnte nur, wer jung und gesund war, und auch die USA hatten strenge Aufnahmebedingungen." So waren für die Emigration in die USA zwei Bürgschaften erforderlich: Die Eltern von Richard Chaim Schneider, ungarische KZ-Überlebende, bekamen nur eine - und mußten bleiben.

Schneider kam 1957 in München zur Welt."Meine Eltern lebten mit schlechtem Gewissen hier", sagt Schneider."Sie wollten immer gehen, aber die Realität ließ es nicht zu.Es gab das Geschäft, es gab die Kinder, die Schule.Und irgendwann war der Punkt erreicht, an dem man sich mit dem Bleiben abfand." Auch Kozminskis aus Polen stammende Eltern wollten nach Amerika emigrieren.Aus verschiedenen Gründen klappte das erst spät in ihrem Leben, und so wurde Kozminski 1949 im oberpfälzischen Schwandorf geboren, wo sein Vater Präsident der israelischen Kultusgemeinde war.Er lebt heute in München, ist mit einer Deutschen, "einer Katholikin", verheiratet, mit der er drei Kinder hat.Kozminski und Schneider gehören zur Zweiten Generation, wie man die Kinder von Überlebenden nennt.Deutsch ist ihre Muttersprache, sie sind in Deutschland aufgewachsen, zur Schule gegangen, haben die deutsche Staatsangehörigkeit.Als Juden leben sie in Deutschland - Deutsche Juden sind sie nicht."Ich bezeichne mich ohne Probleme als Staatsbürger dieser Republik", sagt Schneider."Aber ich bezeichne mich nicht als Deutschen.Das kann ich aus emotionalen Gründen nicht, das läßt aber auch dieses Land, das den Begriff deutsch immer noch völkisch definiert, bislang nicht zu." Daß sie sich unter allen Ländern dieser Welt ausgerechnet Deutschland als Lebensort ausgesucht haben, hält Kozminski für einen "geographischen Zufall, nichts weiter."

In einer Szene im Film reden ein Vater und ein Sohn darüber, warum sie in Deutschland leben."Er fühlt sich hier glaube ich ganz wohl, sonst wäre er mit uns irgendwohin gegangen", sagt der Sohn.Der Vater, ganz leise: "Na ja, es hat sich nicht ergeben." Der Sohn, unsicher lachend und etwas zu laut: "Du wolltest nicht! Du wolltest doch nicht nach Amerika gehen! Deshalb sind wir jetzt beide hier!" Der Vater sieht ins Leere, als hätte er vergessen, daß eine Kamera auf ihn gerichtet ist.Nach einer langen Pause wiederholt er, beinahe unhörbar: "Es hat sich nicht ergeben." Doch der Film stellt nicht nur die Frage, wie die Überlebenden damit fertig geworden sind, in Deutschland zu bleiben.Er fragt auch: Wie ist Deutschland nach dem Krieg mit den hier lebenden Juden und mit seiner Vergangenheit umgegangen? "Da kommt leider ein ziemliches Armutszeugnis dabei heraus," sagt Schneider.Angefangen von Adenauer, der den Kommentator der Nürnberger Rassegesetze, Hans Globke, zum Staatssekretär im Bundeskanzleramt machte - bis hin zu Bundeskanzler Schröder, der fordert, das Mahnmal müsse "schön" sein, damit man sich wohlfühlt, wenn man darin herumläuft.Schneider: "Da kann man nur noch lachen."

Damit die Dokumentation so aktuell wie möglich ist, wird die letzte Folge erst kurz vor dem Sendetermin im Herbst fertiggestellt werden.Die nicht endenwollende Mahnmaldebatte soll genauso darin vorkommen, wie die inzwischen beendete um Walser.Vor allem junge Menschen, Juden der Dritten Generation, sollen zu Wort kommen.Für die Finanzierung des Projekts hat sich Kozminski etwas besonderes einfallen lassen: Weil das Geld trotz vier verschiedener Länderförderungen und Co-Produktion von WDR und BR nicht reichte, um die Gesamtkosten von 1,8 Millionen Mark zu decken, schrieb er Firmen und Einzelpersonen um Spenden in Höhe von 5000 Mark an.Viele reagierten, darunter die Freunde des Jüdischen Krankenhauses in Berlin, die Produzenten Atze Brauner und Regina Ziegler, die Daimler Benz AG und die Schauspielerin Uschi Glas, doch noch immer fehlen 300 000 Mark.Kozminski: "Wir sind dankbar für jeden, der Geld gibt.Aus welchen Gründen auch immer.Diese Menschen ermöglichen etwas, das ohne sie nicht machbar wäre."

Langsam, ganz langsam scheint es für Juden und Deutsche möglich zu sein, miteinander und mit der gemeinsamen Geschichte umzugehen.Vor kurzem konnte das Publikum zum ersten Mal einen deutschen Film im Kino sehen, der eine deutsch-jüdische Liebesgeschichte zum Thema hat: "Meschugge"."Plötzlich ist es möglich", sagt Schneider."Da macht ein deutsch-jüdisches Paar einen Film über eine deutsch-jüdische Liebe, und keiner regt sich auf." Kurz vor der Jahrtausendwende befände sich das deutsch-jüdische Verhältnis an einem Wendepunkt.Mit dem zeitlichen Abstand zum Holocaust und mit heranwachsenden Generationen stellt Schneider eine größere Unbefangenheit fest, aufeinander zuzugehen."Und zwar fern von dieser klischeehaften Betroffenheit, die sowieso kein Mensch glaubt.Fern aber auch von Schuldgefühl und Vorwürfen auf beiden Seiten." Berührungsängste, die gebe es nach wie vor.Schneider: "Ich merke immer wieder, daß die Leute sich verhaspeln, wenn sie über Juden reden." "Wir sind da!" könnte helfen, diesen Sprachfehler zu beheben.

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