Kultur : Beflügelt

Annemie Vanackere stellt das neue HAU vor.

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Das HAU ist jetzt blau. Von den Plakaten mit dem frischen Schriftzug schauen uns pelzige Wesen mit großen dunklen Augen durchdringend an: ein Fuchs, ein Lama, ein Äffchen, ein Panther. Ginge es allein ums Äußere, dann könnte man den Auftritt der neuen Intendantin des Hebbel am Ufer schon jetzt als überraschend und gelungen bezeichnen. Hinzu kommen zwei Entscheidungen, die den Start beflügeln. Zum einen wurde in der Kritikerumfrage der Zeitschrift „Theater heute“ das HAU zum „Theater des Jahres“ gekürt, ein schöner Abschied für den Haudegen Matthias Lilienthal nach neun wahnsinnigen und erfolgreichen Jahren. Zum anderen hat die Kulturverwaltung beschlossen, das Festival „Tanz im August“ ganz und gar im Hebbel am Ufer anzusiedeln, mit eigenem Kurator.

Das ging nicht ohne Gezerre ab, und da hat die Belgierin Annemie Vanackere, die viele Jahre in Rotterdam zu Hause war, schon mal einen Geschmack von Berliner Kulturpolitik bekommen. Ihre Beobachtungen als Neuankömmling in der Szene sind aufschlussreich. In Berlin habe man sehr viel Zeit, stehe aber ständig unter Legitimationsdruck, hat sie bemerkt. Man glaube hier, sich immerzu gegen die Konkurrenz verteidigen zu müssen und sei hauptsächlich damit beschäftigt, die eigene Agenda zu formulieren. Da kann sich manch einer wiedererkennen.

Annemie Vanackere schwebt ein Theater vor, das auch ohne Dogmen, Labels und aktuelle Anlässe auskommt, ohne die allfälligen Schlüsselreize. Sie glaubt, „dass der Kunst manchmal zu viel, oft genug aber auch zu wenig zugetraut wird“. So oder so, sie will anknüpfen an das, was das HAU stets ausgezeichnet hat – es soll ein interdisziplinärer Theaterverbund mit internationalen (Ko-)Produktionen bleiben. Und es wird neue Akzente geben, so weit der weltweite Festivalzirkus das überhaupt zulässt.

Die niederländische Schauspieltruppen Wunderbaum und Schwalbe und der französische Choreograf Jérome Bel (er zeigt sein „Disabled Theatre“) bestreiten den Auftakt ab 1. November. Es folgen Laurent Chétouane, Kornél Mundruczó, Philipp Gehmacher, Gintersdorfer/Klaßen, She She Pop. Der erste Monat sieht 21 Projekte auf dem Spielplan, danach wird das neue HAU auf die Bremse treten. Ständige Überforderung und Unterbezahlung sei nicht die einzig mögliche Arbeitsweise, sagt Annemie Vanackere, die bei ihrer ersten programmatischen Pressekonferenz von lustigen Wunderbaum-Schauspielern flankiert wurde. Über eine Videobotschaft ließ Tim Etchells von Forced Entertainment aus England grüßen – mit der depressiv-komischen Säufergeschichte eines Regisseurs, der mitten in der Nacht, auf der Flucht vor sinnlosem Theater, an einen theaterbesessenen Taxifahrer und Kapitalismuskritiker gerät.

Unplanbarkeit und Nichtvorhersehbarkeit sind für die neue HAU-Chefin wichtig im künstlerischen Prozess, als Ausweis von Freiheit. In ihrer offenen und gewinnenden Art steckt ein beharrlicher, harter Kern. So hat sie sich dann doch schon mal positioniert auf dem Berliner Großmarkt und von der bisherigen Hausordnung abgesetzt: Kunst, gerade in diesen Zeiten, müsse sich den Luxus erlauben, „keine Funktion zu haben, nicht nützlich, vielleicht sogar eine höhere Form der Zeitverschwendung zu sein“. Warum nicht? Theater als ästhetisches Erleben, danach sehnen sich viele. Rüdiger Schaper

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