Kultur : Before Moonrise

Reden über alles und noch viel mehr: eine Begegnung mit der französischen Schauspielerin und Regisseurin Julie Delpy

Jan Schulz-Ojala

Irgendwo ganz tief ist Stille, aber davon sind wir gerade ziemlich weit weg – wir Schnatterschnatterschnattergänse, elf Festivaltage und vor allem Nächte lang. So eine Stille, wie sie sich damals zärtlich über Jesse senkte und über Céline in „Before Sunrise“ nach der durchgemachten Nacht in einem kleinen Park in Wien. Endlich nix mehr sagen müssen; nur sein. Oder als sie sich wiedersehen im schönsten Sequel der Welt, neun Jahre später in „Before Sunset“: Da ist Ethan Hawke alias Jesse plötzlich in Célines Wohnung, und Jesses Flugzeug wartet bestimmt nicht, vor lauter Spannung versiegt das Reden fast, und Céline greift plötzlich zur Gitarre. Da wird eine Stille in ihnen beiden gewesen sein – was für eine Stille für einen Augenblick, bevor Céline zu singen anfängt.

Jetzt ist Julie Delpy wieder einmal auf der Berlinale und hat mit „Deux jours à Paris“ einen Film mitgebracht, dagegen ist das Sunrise-Sunset-Doppel ein sanftes Weidenlaubrauschen. In ihrem zweiten Film als Regisseurin heißt sie Marion, und ihr Lover namens Jack (Adam Goldberg) wird an zwei Tagen in Paris Marions Eltern, Marions Ex-Lover und auch die Pariser Taxifahrer auf das Heftigste kennenlernen. Das Paar in seinem verflixten zweiten Jahr ist auf dem Rückweg von Venedig (angestrengter Romantik-Urlaub) nach New York (gemeinsamer Wohnsitz mit undeutlichen amourösen Zukunftsaussichten) – und nun zwischengelandet in Marions Heimat; lauter, hysterischer, durchgedrehter als dieses 48-Stunden-Paris ist nicht mal die Berlinale oder Cannes. Das Paar redet und redet, Marions Uraltachtundsechziger-Eltern quasseln und quasseln, nur Célines Katze, die eigentlich mit nach New York soll, ist überwiegend still.

Und nun mit Julie Delpy reden, eine halbe Interviewstunde im Präsidenten-Penthouse des Hotel Maritim, zehnter Stock, das Oberschnatterzentrum Potsdamer-Platz-City unmittelbar vor Augen: Wie wird sie sein – wie die verträumte, erwartungsfrohe Céline in Wien, das Urbild aller Traumzufallslieben für einen Tag, oder wie die Pariser Céline, unruhig abwehrend und doch auch sanft, die vor drei Jahren das Berlinale-Volk restlos verzauberte und jobgefährdend verliebtheitsverrückt machte? Oder wie Marion: gehetzt und ziemlich amerikanisiert und ein bisschen laut?

Julie Delpy live ist alles und nichts von dem. Erstens: sehr bodenständig, sehr direkt, manchmal fast grob. Zweitens: sehr heiterkeitsbereit. Drittens: sehr schnell. Viertens: extrem bekenntnisbedürftig, ob privat oder politisch oder überhaupt. Das Reden ist ein stromschnellenreicher, unruhiger Assoziationsfluss, mit zwischendrin immerhin immer wieder heftigen Lachkaskaden.

Das geht ungefähr so: „Ich war nie eifersüchtig. Naja, vielleicht weil ich verwöhnt bin. Ich mag keine unhappy endings. Ich bin das Gegenteil von meiner Film-Marion, das heißt, ich vögele keineswegs in der Gegend rum. Aber mein Vater, der ist in der Wirklichkeit noch viel schlimmer als im Film.“ (Beide Eltern im Leben, in Frankreich vielbeschäftigte Komödianten, spielen auch Marions Eltern). „Ach, die Franzosen, die reden am liebsten über Sex, übers Fressen und über Politik, genau in dieser Reihenfolge. Dabei sind sie doch gar nicht perverser als andere! Der Irak-Krieg, ohne Monica Lewinsky und ihren Clinton-Blowjob wäre der doch gar nicht denkbar gewesen. Ich bin Optimistin. Ich bin Fatalistin. Ich bin eine pessimistische Optimistin. In der Liebe muss man Kompromisse machen. Wir Menschen sind Tiere, mit Gehirnen wie aus der Steinzeit, das ist wissenschaftlich erwiesen. Männer haben immer Angst, betrogen zu werden. Männer wissen nicht, ob ihre Kinder wirklich ihre Kinder sind. Und dann erst die französischen Männer!“

Es geht also um alles und noch viel mehr, und das ist schon mal einiges – und manchmal, ganz kurz, berührt das Gespräch eine Lebensstille. Die Karrierekrise zum Beispiel, in die die 1990 als Zwanzigjährige nach Amerika ausgewanderte Julie Delpy nach ihrem erfolgreichen Start („Drei Farben: Weiß“, „Homo Faber“, „Killing Zoe“, „Before Sunrise“) stürzte. Oder ihren Autounfall vor fünf Jahren, in einer Phase völliger Zurückgezogenheit, „ich blieb unverletzt und bin doch haarscharf dem Tod entgangen“ – und ihre Entscheidung, seitdem nicht mehr bloß auf ihre Agenten und Agenten und Agenten zu hören. Ihre „Tonnen von selbstgeschriebenen Drehbüchern“ (fünf Titel zählt sie in Rekordtempo auf), für die sie in Hollywood und anderswo keine Produzenten findet: „Ob die alle Angst haben, dass Frauen nur Flops inszenieren? Oder verkaufe ich mich einfach zu schlecht?“ Dann sekundenbruchteilkurzes Atemholen, und weg sind die Selbstzweifel, als seien sie nie dagewesen.

Nein, diese Julie Delpy ist nicht zu fassen. Aber das macht nichts. Die schöne Frau in der rosa Blumenbluse, das Blondhaar dekorativ über eine Schulter fallen lassend, ist Star und Straßengöre, Kumpel und Diva. Die Rolle der zu allem und jedem gefragten Schauspielerin spielt sie perfekt. Und gibt auf alles Antwort, auf alles und noch viel mehr. Mit wem lebt sie zusammen? Mit einem Filmkomponisten in Los Angeles, „wir sind praktisch verlobt“ (Lachkaskade). Wann kommt „Before Moonrise“, Sequelnummer drei? „Vielleicht machen wir das, wirklich. Ich treffe Richard Linklater im März, und der Film wird in New York spielen.“

Irgendwie sonnelos übrigens, dieser Tag, und von Mondaufgang unter der Nieselwolkendecke auch keine Spur. Abtauchen jetzt: Au revoir, Julie Delpy! Wir sehen uns im Kino.

Heute 10.30 Uhr (Cinemaxx), 13. 2., 22.30 Uhr (Cubix), 15. 2., 17 Uhr (International), 18. 2., 14.30 Uhr (Cubix)

Julie Delpy , geboren am 21. Dezember 1969 in Paris, ist eine der Stars des französischen Kinos. Schon mit 14 hatte sie einen Auftritt in Jean-Luc Godards Détective (1985).

Bekannt wurde Delpy mit Bertrand Taverniers „La Passion Béatrice“ und Agnieszka Hollands Hitlerjunge Salomon . Sie spielte auch in zwei Teilen von Krzysztof Kieslowskis Drei-Farben-Trilogie mit und schaffte mit „The Three Musketeers“ (1993) den Sprung in die USA.

Eine ihrer schönsten Rollen hatte Julie Delpy in Richard Linklaters Before Sunrise (1995) und in dessen Fortsetzung Before Sunset (2004). Darin streift sie philosophierend und flirtend mit Ethan Hawke durch Wien und Paris.

Julie Delpy studierte an der Tisch School of the Arts in New York Film. Ihr Regie-Debüt, der Kurzfilm „Blah Blah Blah“ (1995) lief auf dem Sundance-Festival. Im Panorama zeigt sie ihren zweiten Spielfilm Deux jours à Paris , in dem sie auch selbst mitspielt.

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