Kultur : Befreite Geschichte

Ortstermin in Warschau: Warum Polen und Deutsche sich immer noch miteinander schwer tun

Jan Schulz-Ojala

Man fühlt sich wie im Krieg, und das ist Absicht. Mit simulierten Bombenabwürfen und Gewehrfeuer vom Tonband, mit nachgebauten Unterständen und Kanalisationsschächten schickt das Museum seine Besucher auf Zeitreise – in den Warschauer Aufstand im August und September 1944. Damals wurden 15000 Untergrundsoldaten und knapp 200000 Zivilisten von deutschen Soldaten getötet, während die Rote Armee am jenseitigen Weichselufer das Ende der aussichtslosen Rebellion abwartete. Nur in einem Raum des Museums kommt das lärmende Multimedia-Spektakel ein bisschen zur Ruhe: im lichten Zimmer für die Allerjüngsten. Der Feind ist da bloß eine Wandzeichnung: „Niemcy“, Deutschland, steht unter dem Bild dreier Soldaten. Sie halten das Gewehr im Anschlag, nach links, nach rechts, nach vorne.

Deutschland, der Feind von damals, ist heute ein Freund der Polen – und sein vor allem als Wirtschaftspartner eng verbundener EU-Nachbar. Aus der übermächtigen sozialistischen Bruderfreundschaft mit Russland, die ihre Tabus auch in den postkommunistischen Jahren zu konservieren suchte, löst sich Polen bis heute. Nicht 1994, zum 50. Jahrestag des Aufstands, sondern erst zehn Jahre später wurde in einem alten Straßenbahndepot jenes Museum eröffnet, das mit Warschau die letzte zynische Pointe des deutsch-russischen Nichtangriffspaktes dokumentiert – und der Kommunismus hat darin nurmehr ein grellrotes Extrakabinett. Die Wunden der polnischen Geschichte aber sind nicht verheilt. Und je selbstbewusster die Polen ihre historischen Traumata erforschen, desto stärker wächst eine grundsätzliche, sonntagsredenresistente Alarmbereitschaft.

Meistens äußert sie sich in elegant untertreibender Ironie, die den erdrückenden historischen Assoziationsraum mit Millionen ermordeter polnischer Juden und Christen unausgesprochen lässt. Irena Lipowicz etwa, oberste Regierungsbeauftragte für deutsch-polnische Zusammenarbeit, wünscht sich für ihr Land „glückliche, reiche, demokratische Nachbarn“, schließlich habe Polen ein „kleines Interesse“ an deren Wohlergehen. Dabei schaut sie mit beiläufigem Sarkasmus auf jenes tagespolitische Kuriosum, als unlängst der Überfall auf drei russische Diplomatenkinder in Warschau kurz darauf in Moskau mit Prügel für – erwachsene – polnische Diplomaten gleichen Rangs vergolten wurde. Auch Marek Cichocki vom Europäischen Zentrum Natolin in Warschau wirbt eher sanftmütig für gewisse Unbequemlichkeiten polnischer Denkweisen: „Die Polen sehen sich heute als Subjekt. Das hat Folgen.“

Zum Beispiel die, dass man, ohne sich um den Nachbarn Deutschland und Frankreich zu kümmern, zusammen mit Amerika Soldaten in den Irak schickt. Schließlich habe Polen selber genug Erfahrung mit Gewaltregimes, sagt der alte Solidarnosc-Mann Piotr Konopka, Gründer der Robert-Schumann-Stiftung, die sich in Polen für die EU stark macht. Dass dabei auch die Jugend mitzieht, sehen die einstigen Freiheitskämpfer mit leuchtenden Augen: ob sie zu Tausenden über Weihnachten die ukrainische Freiheitsbewegung unterstützt oder ob sie, nach Massenverabredung per SMS, nach dem Tod des Papstes die Bischöfe zur nächtlichen Öffnung der Kirchen zwingt. So wird sogar das Beten noch einmal zum Akt der Rebellion.

Wenn Bundespräsident Köhler jetzt nach Polen reist, werden sich erneut Geschichtsbilder vor die Gegenwart schieben. Bilder von Unterdrückung und äußerstem Widerstandswillen: Sie schärfen die – historische und politische – Perspektive. Scharfsinn kommt hinzu, von begründetem Argwohn kaum zu unterscheiden, der auch das Verhältnis zu Deutschland wieder überwölbt. Da mag in den Kohl’schen Jahren noch so viel Versöhnung propagiert worden sein, da mag die jetzige Regierung ein Deutsch-Polnisches Jahr mit Tausenden von Kulturbegegnungen ausgerufen haben: Es ist der Plan eines Zentrums gegen Vertreibungen, das die Polen an den Deutschen derzeit manchmal verzweifeln lässt. Der Wunsch des Bundes der Vertriebenen (BDV), in Berlin ein Museum zu bauen, rührt für die Polen an ein historisches Trauma.

Seit fünf Jahren trommelt BDV-Präsidentin Erika Steinbach, zugleich Mitglied im CDU-Bundesvorstand, für ein solches Zentrum, das das „national erfahrbare Schicksal der deutschen Vertriebenen“ in den Mittelpunkt rücken will. Nicht nur Irena Lipowicz sieht da einen deutschen „Tempel der Leiden“ entstehen. Der Europa-Experte Marek Cichocki erinnert zudem an die heikle Nachbarschaft zum Holocaust-Mahnmal und mahnt diskret, die polnischen Vorbehalte seien womöglich „leichter lösbar“, wenn die Deutschen endlich die Topografie des Terrors fertig stellen würden. Harmonisierenden Hinweisen, auch die Polen hätten doch nach dem Krieg ihre Ostgebiete – an die damalige Sowjetunion – verloren, mithin diese eine Gemeinsamkeit mit den Deutschen, begegnet er mit einem schmerzhaft unabweisbaren Unterschied: „Die Vertreibung ist nicht das Schlimmste, was den Polen im Zweiten Weltkrieg passiert ist.“

Mittlerweile tauchen, so Lipowicz, in den deutsch-polnischen Grenzgebieten rechtsradikale Flugblätter auf: Selbst ernannte „Exilregierungen“ propagieren da den Marsch über Oder und Neiße. Die um die deutsch-polnische Verständigung bangende Expertin fürchtet, dass diese Flugblätter bald in „Fakt“ publiziert werden. Das mit täglich 600000 Exemplaren erscheinende Boulevardblatt aus dem Springer-Konzern mache immer wieder mit antideutscher Stimmung Auflage.

Da ist er wieder, der bis an die Zähne bewaffnete Deutsche: Er mag im Warschauer Aufstandsmuseum nur eine an die Wand gekritzelte Zeichnung sein. Geschichte, richtig Geschichte, wird er für die Polen nie.

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