Kultur : Befund: Uneinheitlich

GERWIN KLINGER

Berlin, früher Nachmittag, "Haus der Demokratie" in der Friedrichstraße.Ein Zecher, bis zum Eichstrich betankt, hat sich in die Ausstellung "Un-Einheitlich" verirrt.Steht, schwankt, stiert und liest: "Biographien ehemaliger kommunistischer Häftlinge des Konzentrationslagers Sachsenhausen".Langsam, sehr langsam, formt sich ein Gedanke und drängt heraus: "Ihr mit euren Helden! Paßt lieber auf den Schröder auf!"

Kommunistische KZ-Häftlinge - ein Déjà-vu, das die alten, im Ost-West-Gegensatz eingeübten Rezeptionsmuster aktiviert.Entweder sind es "rote Kapos", "stalinistische Kader" oder "Helden und Märtyrer der Partei".Die Biographien sind verdeckt durch politische Klischees.Studenten der FU haben sich in einem Projekttutorium daran gemacht, sie aus ideologischen Trümmern zu befreien.Anhand von Dokumenten, Bildern und Briefen haben sie das Leben von sechs Kommunisten recherchiert, die im KZ Sachsenhausen inhaftiert waren.Eine kleine, sorgfältig gestaltete Ausstellung präsentiert die Lebenswege, und zwar nicht nur Widerstand, Verfolgung und KZ, sondern auch Vor- und Nachgeschichte.Sichtbar werden Lebenswege mit Brüchen, geprägt von Eigensinn, Widerspruch und Anpassung.

Da ist Max Emendörfer.Der gelernte Schuhmacher trat 1931 in die KPD ein.Wegen des "Verteilens verbotener Literatur" wurde er 1934 verhaftet und nach einem Geständnis verurteilt.Anschließend kam er aufgrund eines "Schutzhaftbefehls" ins KZ Esterwege, von dort nach Sachsenhausen.Nach der Entlassung wollte die Gestapo ihn als Spitzel anwerben.Um dem zu entgehen, meldete er sich zur Wehrmacht.1942 desertierte er in sowjetische Kriegsgefangenschaft und engagierte sich im "Nationalkomitee Freies Deutschland".Als einer seiner Vizepräsidenten wurde er zu Propagandaeinsätzen an die Front geschickt.Kurz nach Kriegsende verhaftete ihn der sowjetische Geheimdienst als vermeintlichen Gestapo-Spitzel.Wieder kam er nach Sachsenhausen, diesmal ins NKWD-Lager.Ohne Urteil wurde er 1947 nach Sibirien deportiert.Dennoch, als er 1956 mit den letzten Kriegsgefangenen freigelassen wurde, entschied Emendörfer sich für die DDR und wurde Redakteur beim Parteiorgan "Freiheit".Als Pensionär bezog er eine Parteiehrenrente.Auf den Fotos, die ihn im "Nationalkomitee Freies Deutschland" neben Ulbricht zeigen, ist er wegretuschiert; über seine Haftzeit mußte er schweigen.

Oder Rudi Wunderlich.Er gehörte zur KPD-O, einer Oppositionsgruppe, die für die Einheitsfront mit der SPD eintrat und sich 1928 von der Partei abspaltete.Wunderlich leitete die Untergrundarbeit in Leipzig, wurde zweimal verhaftet und verurteilt.Dem Zuchthaus folgte die Haft im KZ.Die Möglichkeiten, die sich ihm als "Lagerläufer" boten, nutzte er zur Konspiration.Der Entdeckung konnte er sich im Juni 1944 durch Flucht entziehen.1945 trat er in die KPD ein und leitete Ermittlungen gegen ehemalige Nazis.Seine oppositionelle Vergangenheit und neue Eigenmächtigkeiten beenden seine Polizeikarriere.Zu seiner Enttäuschung lehnte ihn die neugegründete Stasi ab.Als Sekretär des "Komitees Antifaschistischer Widerstandskämpfer" wirkte er mit beim Aufbau der KZ-Gedenkstätten.Als er den Dissidenten Robert Havemann, der zusammen mit Honecker in Haft gewesen war, zu einem Festakt ins Zuchthaus Brandenburg einlud, kam es zum Eklat.Wunderlich wurde fristlos aus dem Komitee entlassen.Verbittert wandte er sich von der Partei ab.

Noch bis 22.Dezember, täglich 14 -20 Uhr, außer sonntags.

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