Kultur : Begabung & Wut

Am 11. September wäre er 100 Jahre alt geworden. Bis dahin zitieren wir täglich Theodor W. Adorno

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Begabung ist vielleicht überhaupt nichts anderes als glücklich sublimierte Wut, die Fähigkeit, jene Energien, die einmal zur Zerstörung widerspenstiger Objekte ins Ungemessene sich steigerten, in die Konzentration geduldiger Betrachtung umzusetzen und so wenig abzulassen vom Geheimnis der Objekte, wie man einmal zufrieden war, ehe man nicht dem mißhandelten Spielzeug die quäkende Stimme entriß. Wer hätte nicht aus dem Gesicht des in Gedanken Versunkenen, von den praktischen Gegenständen Abgelösten Züge derselben Aggression bemerkt, die sonst praktisch sich betätigt? Erfährt nicht der Produzierende sich selber mitten in seinem Überschwang als vertiert, als „wütend Arbeitenden“? Ja bedarf es nicht gerade solcher Wut, um vom Befangensein sich zu befreien und von der Wut des Befangenseins? Wäre nicht gerade das Versöhnende dem Zerstörenden erst abgetrotzt?

Aus: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. 19451947/1964. In: Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften. Hg. von Rolf Tiedemann unter Mitwirkung von Gretel Adorno, Susan Buck-Morss und Klaus Schultz. Suhrkamp Verlag,Frankfurt am Main,1997. Band 4

WAS ADORNO SAGT (20)

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