Begegnung mit dem Kabarettisten HG. Butzko : Wortschleuder aus dem Pott

Wo ich bin, ist Apo: HG. Butzko gewinnt den Deutschen Kleinkunstpreis 2014. Heute tritt der Kabarettist in Berlin auf.

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Neu-Kreuzberger. HG. Butzko, Jahrgang 1965, in seinem Revier am Spreewaldplatz.
Neu-Kreuzberger. HG. Butzko, Jahrgang 1965, in seinem Revier am Spreewaldplatz.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Vor zwei Wochen bei den Wühlmäusen am Theodor-Heuss-Platz. Vorfreudiges Schwirren im vollen Saal. Die Wiederauferstehung von Arnulf Ratings legendärer, seit einigen Jahren aber pausierender Mixed-Show „Der Blaue Montag“ steht an. Getreu des Konzepts, dass es kein Konzept gibt, treten Fahrradakrobaten, schwule Männerchöre, Musikkabarettisten oder Bauchredner auf. Und dazwischen HG. Butzko.

Auf kahler Bühne, das Mikro vor sich, die Kappe auf dem Kopf. Die muss. Was anderen Kabarettisten der Hut oder die Pauke ist, ist Butzko die Kappe, Selbststilisierungsrequisit. Kappe ergo harmloser Kumpeltyp, lautet die Assoziation. Mitnichten. Jetzt kippt er den Leuten einen gepfefferten Wortschwall vor die Füße: Gauck, Merkel, Lehman Brothers, Neoliberalismus, NSA, BND, Panoptismus, Whistleblower, Snowden – unmöglich die Kaskade wieder zu geben. Die Schlusspointe lautet: „Was ist das überhaupt für eine Welt, in der die halbe Menschheit mit einem Staatsfeind sympathisiert, der sich vor einem Friedensnobelpreisträger verstecken muss!“ Das ist nicht nur politisches Kabarett, das ist Wortüberrumpelung, was der Butzko da macht. Das verdutzte Publikum muss sichtlich ackern, um ihm zu folgen, die Lacher kommen zeitverzögert. Da geht er auch schon ab, Jubel brandet gegen seinen Rücken. Nachvollziehbar, dass der Mann am 9. März in Mainz den Deutschen Kleinkunstpreis 2014 erhält.

Tags darauf am Spreewaldplatz. HG. Butzko hat ins Café Morena bestellt. Er ist gebürtiger Gelsenkirchener, Jahrgang 1965, Enkel eines Bergmanns, gegenüber vom Schalke-Stadion aufgewachsen. Seine kehlige Aussprache klingt im Abgang deutlich nach Jürgen von Manger, von dessen Bühnenfigur, dem Ruhrpott-Grantler Adolf Tegtmeier, Butzko stark sozialisiert wurde. Kaum fällt das Stichwort, fängt er mit seiner durch das halbe Café trötenden Bühnenstimme an, eine Tegtmeier-Nummer anzuspielen. „Ich habe 25 Jahre im Ruhrpott gelebt. Meine Sprache, meine Mentalität, meine Perspektive, meine Denkarbeit ist von dieser Malochergegend geprägt.“

Und doch ist Hans-Günter Butzko, der nicht nur bei Kopfbedeckungen, sondern auch bei Schreibweisen weiß, woran das Auge hängen bleibt, inzwischen Berliner. Neuerdings, hat es geheißen. Warum denn das bloß? Sagt er nicht, sagt HG. Butzko. Ist privat. Über Privates rede er grundsätzlich nicht. Nur, dass er irgendwo um die Ecke wohnt, das sagt er. „Kreuzberg 36, ganz klassisch“. Warum sich ein eingeführter Wortkünstler wie er für gut zehn Minuten beim „Blauen Montag“ auf die Bühne stellt? Das sagt er. „Wenn Arnulf Rating anruft, gibt’s keine Diskussion, den habe ich als Gymnasiast mit den „3 Tornados“ schon im Bochumer Schauspielhaus gesehen.“

Dort hat Butzko nie gespielt, aber sonst ist er ganz gut herum gekommen. Zehn Jahre lang diente er als Schauspieler und Regisseur an deutschen Stadttheatern in Eisleben, Würzburg, Wuppertal oder Hof. „Das war mir zu unkreativ“, sagt Butzko, der statt lecker Pilsken vormittags lieber Tee trinkt. Also startete er 1997 eine Solokarriere als Kabarettist und tourt mittlerweile mit „Herrschaftszeiten“, seinem siebten Programm. Die Bühne ist der angestammte Platz des politischen Kabarettisten, findet Butzko. „Im Fernsehen sind wir alle schlechter.“ Um das regelmäßig für wahlweise tot oder lebendig erklärte Genre macht er sich keine Sorgen. „Sobald sich etwas tut, wobei der Ernst des Lebens gefragt ist – 11. September, Fukushima, Finanzkrise – da sind Satiriker gefragt.“ Im Gegensatz zu Comedians wohlgemerkt.

HG. Butzko selbst widmet sich der polemischen Durchdringung der vertrackten Materie Finanzkrise mit besonderer Emphase, was auch den Juroren des Kleinkunstpreises aufgefallen ist. Sie preisen die analytische Schärfe, mit der er höchst komplexe Sachverhalte darstellt und nennen ihn „Meister des investigativen Kabaretts“. Dabei ist seine Ökonomierecherche, die er 2011 auch als Buch mit dem Titel „Geld oder Leben – eine Reise durch durch den Wirtschaftswahnsinn“ (Rowohlt) veröffentlicht hat, nur die logische Folge einer kabarettistischen Selbsterkenntnis: „Wenn du dich mit den Mächtigen beschäftigen willst, wieso hältst du dich dann mit Politikern auf?“ Also hat er versucht, sich die Mechanismen der Marktwirtschaft raufzuschaffen, sich selber schlau zu machen. Für das, was Kritiker sein „Kumpelkabarett“ oder sein „Thekengespräch mit dem Publikum“ nennen.

Nach dem bei solchen Schlagworten zu erwartenden Stammtischpopulismus klang sein Jargon beim „Blauen Montag“ aber nicht. Genau da liege für ihn ja der Unterschied, sagt Butzko: „Was ich mache, ist nicht Stammtisch sondern Theke!“ Oder auch mal Hörsaal. Immerhin hat der Fachbereich Wirtschaft der Universität Paderborn den Buchautoren zu einer spaßigen Finanzmarkt-Vorlesung ins Audimax eingeladen. Butzko war beeindruckt von der eigenen Wirkungsmacht. „Schließlich habe ich nie eine Universität von innen gesehen.“ Dass Kabarett etwas bewirken kann, ist für ihn keine Frage. „Edmund Stoiber haben damals 7000 Stimmen zur Kanzlerwahl gefehlt. Die haben wir ihn gekostet. Beweis’ mir einer das Gegenteil.“

Wie er auf die Mitteilung reagiert hat, die wichtigste Auszeichnung des Genres zu erhalten? „Ich war baff“, bekennt Butzko, der trotz Fernsehpräsenz und Zeitungskolumne für viele immer noch ein Geheimtipp ist. „Eigentlich bräuchte ich jetzt einen Therapeuten, aber mein Ego passt gerade nicht durch die Tür vom Behandlungszimmer.“ Haha. Merke: bei einem Gespräch mit einem Kabarettisten weiß man nie, was Sekundengag und was aktuelles Programm ist.

Wo der Kapitalismuskritiker politisch steht? Er sei in keiner Partei und lasse sich auch für keine einspannen. „Nur für DGB- oder Attac-Kundgebungen. „Ich bin immer Apo.“ Grade während einer Großen Koalition sei nichts wichtiger als außerparlamentarische Opposition, findet Butzko und bearbeitet den schönen Spruch von Dieter Nuhr „Wer keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten“ in seinem Sinn: „Maul auf, auch wenn man keine Ahnung hat!“ HG. Butzko grinst. „Sonst könnte ja im Bundestag kein Politiker mehr eine Rede halten.“

Die Wühlmäuse, Pommernallee 2-4, Charlottenburg, Di 18.2., 20 Uhr

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