Begegnung mit Elektropop-Musikerin Nene Hatun : Tanzen und kämpfen

In der Türkei hat sie Klavier und Komposition studiert. In Berlin macht Nene Hatun psychedelisch-anatolischen Techno-Pop.

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Weltenwanderin. Nene Hatun ist in der Türkei geboren und lebt seit acht Jahren in Deutschland.
Weltenwanderin. Nene Hatun ist in der Türkei geboren und lebt seit acht Jahren in Deutschland.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Ende des 19. Jahrhunderts gab es einen Krieg zwischen Russland und dem damaligen Osmanischen Reich. Russische Soldaten fielen 1877 in der Stadt Erzurum ein, der Angriff konnte von einer Art Bürgerwehr abgewehrt werden. Unter den siegreichen Kämpfern tat sich besonders eine Frau vor, Mutter von zwei Kindern: Nene Hatun. Bis heute wird sie dafür in der Türkei als Heldin verehrt.

Nach dieser türkischen Volksikone hat die Musikerin Beste Aydin ihr Künstlerpseudonym gewählt. Mit den nationalistischen Implikationen des Pseudonyms wolle sie jedoch nichts zu tun haben, betont sie, die in Izmir aufgewachsen ist, in Tel Aviv und Stuttgart gelebt hat und nun seit einem guten Jahr im Berlin-Neukölln wohnt. Die antidemokratische Politik von Ministerpräsident Erdogan in der Türkei beobachte sie vielmehr mit Sorge. Sie habe bei der Namenswahl eher feministisch gedacht, schließlich sei es für die immer noch ziemlich machistisch geprägte türkische Gesellschaft etwas Besonderes, dass eine Frau als Kriegsheldin verehrt werde. „Auch ich habe mir meinen Weg erkämpfen müssen“, sagt sie, „gegenüber meinen Eltern und der Kultur, aus der ich komme. Es war ein feministischer Kampf“.

Nene Hatun ist eine zierliche Person, Ende zwanzig. Von der Abnabelung aus einer traditionell geprägten türkischen Familie und ihrem aktuellen Leben im hedonistischen Party-Berlin erzählt sie im Café Südblock am Kottbusser Tor. Der türkisch-popkulturell-queere Laden passt gut zu ihrer Lebensgeschichte. „Ich versuche immer noch zu lernen, was Freiheit ist.“ Sie lacht viel im Gespräch und ist bestechend freundlich.

Die westliche kämpft mit der östlichen Seite

In Deutschland lebt sie schon acht Jahre. Nach Stuttgart ist sie gekommen, um dort ihr Kompositions- und Klavierstudium abzuschließen. Offiziell ist sie immer noch Türkin, ihre Aufenthaltsgenehmigung wird von Jahr zu Jahr verlängert. So lebt sie nun in zwei Welten gleichzeitig, wie so viele Migranten, und spricht von einem „inneren Kampf zwischen meiner östlichen und meiner westlichen Seite“. Genau diesen Konflikt macht sie in ihrer Musik auf ziemlich interessante Weise produktiv. „Die Grundstruktur meiner Musik ist westlich geprägt. Die Melodien und der Rhythmus aber kommen aus der Türkei und Aserbaidschan“, sagt sie.

„Psychedelic-Anatolian Techno-Pop“ nennt sie selbst das Ergebnis dieses Kultur-Clashs und das trifft den Sound ziemlich gut. Ihre Tracks, die bislang nur auf Soundcloud und einer Vinyl-Single zu hören sind, vermengen elektronische Musik mit ihrem eigenen, spärlich eingesetzten türkischen Gesang, dessen orientalische Phrasierung einen direkt in ein Märchen aus tausendundeiner Nacht zu beamen scheint. Die Beats und das elektronisch generierte Sounddesign sind abstrakt, „bei mir kommen auch 9/8-Takte und Polyrhythmen vor“. Die Claps und Bässe fangen schon mal an zu stolpern, und es kommt vor, dass sich der Rhythmus mitten im Stück gleich ganz ändert. Dazu wird viel mit Hall und Pausen gearbeitet, was die Musik so verdrogt und psychedelisch, geradezu geisterhaft klingen lässt.

Nene Hatun selbst sagt dazu „hypnotisch“ und spricht von „Klangheyerei“. Seit den Siebzigern, seit Arabesk-Rockern wie Erkin Koray und Baris Manco, gibt es in der Türkei eine Tradition der psychedelischen Musik, die heute vor allem von der international bekannten Istanbuler Band Babazula fortgeführt wird. Auch daran knüpft Nene Hatun an.

Nene Hatun beschränkt sich: Synthesizer, Computer, fertig

Im Diskurs um elektronische Musik gibt es schon seit einer Weile die Diskussion, dass es dank billig zu erstehender Musiksoftware noch nie so einfach war, mannigfaltig mit Sounds zu jonglieren. Das bringt aber auch Probleme mit sich. Der Zugang zum Equipment ist so niedrigschwellig, dass zu viele meinen, sie müssten jetzt auch langweiliges Elektronikeinerlei produzieren, außerdem droht die Gefahr, sich beim Graben in endlosen Klangarchiven schlichtweg zu verzetteln.

Nene Hatun dagegen weiß sich zu beschränken. Sie verfügt über ein paar Synthesizer, eine Datenbank mit Samples und einen Computer. Damit lässt sich einiges an Klangexperimenten anstellen, wie die Musikerin beweist. Dabei ist genau zu hören, dass hier jemand mit popaffiner Elektronik hantiert, der eigentlich aus einer anderen Ecke kommt. Bach, Beethoven, Schubert, damit hat sich Nene Hatun während ihres Studiums auseinandergesetzt und auch jetzt unterrichtet sie unter ihrem Klarnamen Beste Aydin immer noch klassisches Klavier. Aber bei einem Kompositionsstudium probiere man auch viel herum und irgendwann sei sie eben fasziniert vom Rechner gewesen, erzählt sie, habe ein wenig mit Musiksoftware gespielt und erste Elektropop-Skizzen entworfen.

So lässt sich der Eindruck erklären, dass in ihrer Musik eben nicht tausendfach gehörte Formeln wiederholt werden, sondern dass sich ganz offensichtlich jemand mit einem akademischen Gespür für Komplexität der Clubmusik annähert. Interessanterweise sind es derzeit vor allem Frauen wie Nene Hatun und die gefeierte Holly Herndon, die als akademisch geschulte Grenzgängerinnen die Popmusik auffrischen.

Nun tritt die Musikerin eben nicht als Beste Aydin in Konzertsälen auf, sondern als Nene Hatun in Clubs, was sie auch ein wenig von ihrem Alter Ego als seriöse Pianistin befreien soll. „Mit der Klassik konnte ich nie das Publikum erreichen, das ich wollte“, sagt sie, „ich will eher jüngere Menschen berühren, mit denen ich einfach meine Gefühle teilen kann“. Was sie anstrebe, sei eine intellektuelle, aber auch spirituelle und sogar körperliche Kommunikation. Um die zu erreichen, bringt sie bei ihren Konzerten immer jemanden mit: Su, einen mit einer Art Burka verschleierten Tänzer. „Spätestens wenn Su auftritt“, erzählt Nene Hatun, „fangen alle an zu tanzen“.

Nene Hatun spielt am 15. August ab 23.59 Uhr im Kosmonaut, Wiesenweg 1–4, 10365 Berlin

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