Begegnung mit Junot Díaz : Macker wie wir

Der Erzählungsband „Und so verlierst du sie“ von Junot Díaz entlarvt den Mythos männlicher Überlegenheit. Ein Treffen in New York.

Sacha Verna
Fast Feminist. Junot Díaz, 44, stammt aus der Dominikanischen Republik.
Fast Feminist. Junot Díaz, 44, stammt aus der Dominikanischen Republik.Foto: AFP

Nach seiner Pensionierung will Junot Díaz, der gerade mal 44 ist, ein Denkfuttermobil eröffnen: „Wir werden Bildvorträge über das Jahrestreffen der Elvis-Imitatoren im Angebot haben, Lyrik-Lesungen, Hackfleischbällchen und Bier.“ Er lehnt sich an den Hometrainer im New Yorker Loft einer Freundin. Daneben steht die Couch, auf der er in der Stadt übernachtet, wenn er sich nicht gerade in Cambridge aufhält, wo er am Massachusetts Institute of Technology kreatives Schreiben lehrt. Neben der Professur ist er Literaturredakteur bei der „Boston Review“ und leitet Programme an öffentlichen High Schools, die benachteiligten Jugendlichen bei den Vorbereitungen aufs College helfen. Ziemlich viele Jobs für einen Mann, der eigentlich Schriftsteller ist.

Mit nur drei Büchern hat sich Junot Díaz als einer der originellsten und scharfsinnigsten amerikanischen Gegenwartsautoren etabliert. 2007 erhielt er unter anderen den Pulitzer-Preis für seinen Roman "Das kurze Leben des Oscar Wao". Und auch das Publikum liebt ihn. Deshalb gelangen seine Werke regelmäßig an die Spitze der Bestsellerlisten. „Und so verlierst du sie“ ist wie Díaz’ Debüt „Abtauchen“ von 1996 eine Sammlung von miteinander verknüpften Erzählungen. Was „Abtauchen“, der Roman und die neuen Geschichten teilen, ist die Stimme des Erzählers: Yunior.

Es gibt Parallelen zwischen Yuniors Biografie und der seines Erfinders. Beide werden in der Dominikanischen Republik geboren, kommen als Kind in die USA und wachsen in einem Arbeiterviertel in New Jersey auf. Beide schaffen den Sprung an Eliteschulen und werden Schriftsteller, ohne ihre Verbindung zum Milieu der Immigranten zu verlieren. Yunior habe sich ihm von Anfang an als Mittelpunkt einer Art Saga aufgedrängt“, sagt Díaz, der mit einem Glas Orangensaft in der Hand auf der Couch kniet. Schmerzloses Sitzen ist ihm seit einer Rückenoperation vor zweieinhalb Jahren nicht mehr möglich. „Yunior ist ein schonungsloser Beobachter seiner Umwelt und zugleich völlig verwirrt und unehrlich, was seine eigene Person betrifft.“

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Diesen Seher und Selbsttäuscher schildert Junot Díaz in verschiedenen Stadien seines Lebens. Als sechsjährigen Jungen, der kein Wort Englisch spricht und in New Jersey zum ersten Mal Schnee auf der Haut spürt. Als Zeugen der Seitensprünge seines Vaters, der Krebserkrankung seines Bruders und als Saufkumpan stinkreicher Heimwehlatinos in den Urlaubsanlagen der Karibik. Für Yunior hat Díaz eine unverwechselbare Sprache geschaffen, eine Mischung aus mit Spanisch durchsetztem Slang, Poesie und funkelnder Anschaulichkeit, hochartifiziell und authentisch zugleich.

„Ich bin kein schlechter Kerl“, so beginnt „Und so verlierst du sie“. In den darin enthaltenen neun Erzählungen geht Junot Díaz mit den Männern hart ins Gericht. Er zeichnet Typen, mit denen keine Frau ausgehen sollte. Die denken, Freundinnen sind zum Ficken, Belügen und Betrügen da. Mann weiß es zwar besser, kann aber nicht anders. Herzen gehen zu Bruch, was im Fall Yuniors zu Monaten des Selbstmitleids, der Selbstbefragung und vielleicht, zu so etwas wie Einsicht führt. „Ich habe eines Tages mit Schrecken festgestellt, dass ich selber einer von diesen Kerlen bin“, erklärt Junot Díaz.

„Und so verlierst du sie“ handelt von Yuniors verzweifeltem Versuch, Frauen als menschliche Wesen zu sehen. Der Mythos der männlichen Überlegenheit sei eine nicht auszurottende Krankheit, sagt Junot Díaz. „Unser ganzes Gesellschaftssystem beruht darauf, und schauen Sie, wohin es uns geführt hat: Wir ruinieren den Planeten, führen Krieg und sind von einer Wirtschaft und einer Politik abhängig, die eine Minderheit unendlich reich und die überwiegende Mehrheit bettelarm macht.“ Das klingt erstaunlich simplifizierend, doch auch ehrlich empört.

Junot Díaz betrachtet sich als verhinderten Feministen: „Als Mann kann ich kein Feminist sein. Dafür habe ich zu sehr von meinen Privilegien als Mann profitiert.“ Aber er sei das Produkt von Feministinnen, ja seine wichtigsten Mentorinnen seien Feministinnen gewesen – die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison zum Beispiel und Sandra Cisneros, die Patin der mexikanisch-amerikanischen Literatur. Beide haben Díaz darin bestärkt, Schriftsteller zu werden. Dass ausgerechnet er im Spiegel eines Morgens den Kotzbrocken entdeckte, zu dem er nie werden wollte, muss ein ziemlicher Schock gewesen sein. „Ich habe seither eine Menge gelernt“, beteuert er.

In den USA wird Junot Díaz gerne als Bannerträger der neuen Immigrantenliteratur dargestellt. Diese Rolle behagt Díaz nicht: „Wir dienen doch nur zum Erfüllen der Quote. Wenn es einer von uns auf die Bestsellerliste schafft, heißt es: Die Immigrantenliteratur hat Hochkonjunktur. Dabei wird der Markt nach wie vor von sehr weißen, sehr männlichen, sehr amerikanischen Mainstreamautoren dominiert.“ Die Buchkultur hinke der multikulturellen Realität in den USA ungefähr drei Jahrzehnte hinterher. Um etwas gegen diesen Missstand zu unternehmen, gründete Junot Díaz 1999 den Voices of Our Nation Workshop. Diese Organisation unterstützt angehende Schriftstellerinnen und Schriftsteller aller Nationalitäten.

Junot Díaz ist ein lebhafter Gesprächspartner. Er gestikuliert, klatscht, flucht. Wie immer, nachdem er ein Buch mit Yunior beendet hat, hofft er inständig, dem Typen nie mehr zu begegnen. Wie immer nach einem Band mit Erzählungen, schwört er, nie mehr eine Erzählung zu schreiben: Die seien einfach zu schwierig. „Andererseits“, setzt er nach, „gibt es kein Gesetz, wonach einem das, was man am besten kann, auch leichtfallen muss.“

Junot Díaz: Und so verlierst du sie. Erzählungen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main. 2013, 270 Seiten, 16,99 €.

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