Kultur : Begegnungen mit G.G. in Dubrovnik, Berlin und auf der Schneckentour im Wahlkampf

Iring Fetscher

Lange bevor ich ihn kennenlernte mochte ich Günter Grass schon. Die satirische Episode mit dem telegrafisch gesuchten "Führerhund" hatte mich amüsiert - überhaupt schätzte ich unter den frühen Werken die "Hundejahre" am meisten. Begegnet bin ich GG zum ersten Mal anlässlich der "Wahlkampfreise" der "Initiative Bürger für Brandt". Ich genoss seine Art, politische Themen aufzugreifen, die so ganz anders war als die professioneller Politiker. Ich glaube, es war in Bad Homburg, als er seine Rede mit einer eindrucksvollen Aufzählung der Vielfalt der Brotsorten begann, die es inzwischen in deutschen Bäckereien gibt. Das Publikum war vermutlich nicht weniger überrascht als ich.

Wie er die "Kurve" zum Wahlkampfthema gefunden hat, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls gelang es ihm, die Zuhörer bei wacher Aufmerksamkeit zu halten. Neben ihm sitzend hatte man auch vor einem kritischen Auditorium keine Angst. Man begriff: Hier spricht ein engagierter Bürger mit einer eigenen Meinung - kein Partei-Ideologe. Jemand, dem es genügt, zu 51 Prozent mit einer Partei oder einem Politiker einverstanden zu sein, um für ihn einzutreten. Solche Demokraten braucht das Land.

Jahre später wohnten wir zufällig in Dubrovnik im gleichen Hotel. Als wir - meine Frau, mein jüngste Tochter Christiane und das Ehepaar Ute und Günter Grass - zusammen einen großen Fisch verzehrten (Zeichnungen von Fischskeletten gehören zu den Meisterzeichnungen von Grass), streichelte Grass mit einem Mal zärtlich den Unterarm seiner Frau und drückte sein Bedauern darüber aus, dass er nicht zu essen war: er hatte Ute zum "Fressen gern". Dichter nehmen Metaphern ernst! Als wir am folgenden Tag eine Autoreise ins Binnenland unternahmen, wurden wir Opfer der Armut des Landes. Von einem kleinen Rundgang durch ein malerisches Dorf, in dem man das Haus des ehemaligen türkischen Paschas bewundern konnte, zurückgekehrt, merkten wir, dass am Auto die Scheibenwischer fehlten. Das wäre nicht weiter schlimm gewesen, wenn nicht inzwischen ein heftiger Regen eingesetzt hätte. Die Sicht war schauerlich und die Straße kurvenreich. Einmal konnte Ute nur noch in letzter Sekunde vor einem Abgrund bremsen, zurückfahren und die übersehene Kurve nehmen. "Das hätte eine Menge Waisen gegeben", meinte GG - acht von seiner Seite, vier von meiner! Erleichtert und nachträglich zitternd kehrten wir heim!

Die "Unkenrufe" gefielen mir und auch noch "Ein weites Feld" verteidigte ich gegen Angriffe mancher Fontane-Verehrer in meiner näheren Umgebung. Als ich danach GG auf der Frankfurter Buchmesse traf, war ich mit ihm einig, dass viele seiner Gegner den hintergründigen Humor des Buches missverstanden haben. Die "fürsorgliche Betreuung" Fontys durch den kleinen Stasi und dessen späte größenwahnsinnige Inszenierung eines Austausches von Spionen an der Glienicker Brücke stellt doch keine Verharmlosung, sondern eine ironisch-satirische Entmythologisierung des pseudopreußischen Überwachungsstaates DDR dar. Jetzt, da dieser ebenso größenwahnsinnige deutsche Staat friedlich untergegangen ist, darf man doch auch über ihn lachen.

Die "Werkstattgespräche", zu denen Grass vom Radio Bremen verführt wurde, brachten ihn mir näher sein opulent illustriertes Buch über sein Jahrhundert. Von Theodor W. Adorno stammt der Ausspruch: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." Günter Grass widerlegt diese These. Mag er immer auch ein Sisyphus sein - so ist er doch nach Albert Camus ein glücklicher. Dafür hätte es des Nobelpreises nicht erst bedurft, aber er schadet jedenfalls nicht!

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