Begegnungen mit Schlingensief (4) : Stimme des Stummfilms

Am Sonnabend starb der Regisseur Christoph Schlingensief. Seine Arbeit hat begeistert, aufgewühlt – und verstört. Erinnerungen an einen großen Künstler. Christina Tilmann erlebte die Berlinale 2010 mit dem ihm.

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Am 21. August ist Regisseur Christoph Schlingensief gestorben. Stationen seines Lebens - eine Fotostrecke.Weitere Bilder anzeigen
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22.08.2010 19:15Am 21. August ist Regisseur Christoph Schlingensief gestorben. Stationen seines Lebens - eine Fotostrecke.

Es war Chaos am Anfang und Tränen am Ende. Und Lachen und Nichtsverstehen, und längst ist das Zeitmaß gesprengt, was eigentlich gar nicht geht, in einem eng getakteten Filmfestival, und bei Schlingensief doch immer geht, denn wo wäre der, der da mittendrin ginge, auch wenn der wichtige Wettbewerbsfilm dadurch verpasst wird, doch das hier ist live und so viel besser.

Sternstunde des Festivals, Berlinale 2010, die Gäste rutschen übers Eis zum Hebbel-Theater und werden drinnen mit heißesten Afrika-Impressionen bedacht. Dabei hätte es um einen italienischen Stummfilm gehen sollen, der vor einigen Jahren restauriert und auf DVD herausgebracht worden war, ein bisschen Werbeveranstaltung in Sachen italienisches Kino auf der Berlinale also, doch sie hatten sich den falschen Moderator gewählt, oder anders: genau den richtigen.

Denn „L’Inferno“, das Filmchen von 1911, ist vergessen und bliebe auch vergessen, mit seinen grotesk verkleideten Gestalten, die da als Dante und Vergil durch eine Steinwüste taumeln, zu dröhnender Musik von Tangerine Dream, und auch Christoph Schlingensief hätte sich nie für dieses Frühwerk interessiert, wenn da nicht dieser Titel wäre, die Hölle, der er so nahe gekommen war und die doch nur Teil einer großen Komödie namens Leben ist. Und ist nicht dieses Italien des frühen Stummfilms uns mindestens so fremd wie Afrika?

Um Afrika also geht es, erneut. Natürlich ist das eine Werbeveranstaltung in eigener Sache, für das gerade gegründete Operndorf namens Remdoogo. Noch lange reicht das Geld nicht, bitte spenden Sie hier. Aber es ist vor allem eine Erklärveranstaltung in eigener Sache. Zwischen Oper und Operation, Hubert Fichte und Fassbinder, Klaus Kinski und der „bezaubernden Jeannie“ entspinnt sich, noch einmal, das Schlingensief-Universum mit seiner genialen Technik des Alles-mit-allem-Verknüpfens. Bis am Ende – magischer Moment, wie man ihn mit Schlingensief so manches Mal erlebt hat – plötzlich leuchtende Klarheit herrscht, so ein Blitz der Erkenntnis, ein Wissen darum, was Kunst sein kann im Leben, und warum es sie gibt.

Und dass es solche Momente bald nicht mehr geben wird, das ahnt an diesem Abend jeder. Der Künstler verabschiedet sich irgendwann, weil die Kraft nicht mehr reicht, und die Zurückgebliebenen bleiben, weil dieser Moment noch nicht enden soll, und weil sie nicht hinaus wollen in den Winter, der so endgültig scheint. Uns allen möge das Inferno erspart bleiben, hat Christoph Schlingensief am Schluss dem Publikum gewünscht.

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