Beginn der Theatersaison : Wer rebellt, beißt nicht

Zur Spielzeiteröffnung inszeniert Antú Romero Nunes „Die Räuber“ fulminant am Gorki Theater.

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Im archaischen Liebeskampf. Aenne Schwarz als Amalie.
Im archaischen Liebeskampf. Aenne Schwarz als Amalie.Foto: Joachim Fieguth

Es gibt „Die Räuber“ von Friedrich Schiller, aber es gibt kein Programmheft, zumindest nicht vor der Vorstellung. Erst soll man gucken, so möchte es Regisseur Antú Romero Nunes, danach schlaue Texte lesen: über Schillers erstes Stück, über das „Gemälde einer verirrten großen Seele“. Eine rührende Geste, in der sich die Sehnsucht nach dem unverstellten Blick mit überspanntem pädagogischen Furor mischt. So wie Schiller in seinem Familien- und Freiheitsdrama um die Brüder Franz (der hässliche Zweitgeborene, der aus Gekränktheit zum intriganten Rumpelstilz wird) und Karl Moor (der Auserwählte, den ein Missverständnis zum Kriminellen macht) jede Empfindung in schwindelerregende Empörungshöhen hinauftreibt, so will auch dieser Abend sein: Eine Aufführung mit Ausrufezeichen. Eine Faust, die mit Wucht die Krusten des Immer-schon-Bekannten durchstößt.

Antú Romero Nunes ist geschickt, und er ist auf verspielte Weise radikal. Radikal, weil er die gesamte Räuberfolklore im Böhmischen Wald streicht, ebenso einen Großteil der teilweise undurchsichtigen Geschichte. Vor allem schmeißt er fast das gesamte Schiller-Personal raus. Übrig bleiben drei Figuren, Franz, Karl und die von beiden geliebte Amalia, die in drei beeindruckenden Monologen nacheinander dreimal Teile der gleichen Geschichte aus verschiedenen Perspektiven erzählen. Statt mit- und gegeneinander, ringen sie mehr mit der Frage, wie die Sache heute überhaupt noch zu erzählen sei. Ständig wechseln sie die Tonhöhe, springen ironisierend in andere Figuren hinein, jammern über die Schwierigkeit, Karl zu spielen, erinnern in verzweifelter Ehrfurcht an Castorfs Räuber-Inszenierung von 1990 und verweisen auf Fabian Hinrichs und René Pollesch, die gegenwärtigen Meister des Du-musst-dein-Leben-ändern-Theaters.

Die Verweise, Kommentare und Spielereien haben eine interessante Wirkung. Sie schieben im Kopf des Zuschauers eine Vorstellung nach der anderen, ein klischeehaftes Räuber-Bild nach dem nächsten zur Seite, um dann ungefiltert die Not der drei Figuren mit Wucht hervorkrachen zu lassen: eine tiefe Verzweiflung, die aus der Zurückweisung kommt. Paul Schröder ist also Franz, der zurückgestoßene, Gift und Galle spuckende Intrigant, der stöhnend den alten Moor nachmacht und seinen Bruder als weichlichen Jammerlappen verhöhnt. Paul Schröder ist aber vielmehr ein virtuoser Kabarettist, der mit seinen famosen Rollenwechseln ein bisschen zu hemmungslos auf die Tube drückt und das Publikum mit seinen Überzeichnungen zum Szenenapplaus geradezu zwingt. Die richtige Mischung zwischen Ernst und Ironie findet der Abend erst mit Aenne Schwarz, die als Amalia in erhabener Langsamkeit einen archaisch anmutenden Liebeskampf zelebriert, bei dem der Gegner Franz, aber auch das Schicksal als solches heißen könnte.

Dann ist Pause, aber als die ersten Zuschauer aufstehen, erschüttert ein ungeheuerlicher Krach den Raum, Scheinwerfer brennen durch, Gerüste krachen und plötzlich ist Michael Klammer als rauchgeborener Räuber-Karl mit diabolischem Lächeln auf der Bühne, wiederholt immer wieder „Pfui, Pfui über dieses schlappe Kastratenjahrhundert, zu nichts nütze, als die Taten der Vorzeit wiederzukäuen“ und schleicht dabei traurig an der Rampe auf und ab, als fände er hinter tausend Schiller-Zitaten keine authentische Karl-Welt mehr. Muss er auch nicht. Stattdessen spricht er mit dem Publikum, dass er „Eddie“ nennt, kommt von Henry Hübchen zur Blackfacing-Debatte und landet bei der ratlosen Einsicht, dass nicht nur das Karl-Spielen, sondern irgendwie auch die Rebellion als solche nicht mehr möglich sei. Es ist ein halsbrecherisch mitreißender Monolog, changierend zwischen Albernheit und überraschenden Volten.

Wieso Nunes nach diesem glücklich verwirrenden Theaterrausch die letzte halbe Stunde doch noch den ollen Schiller gibt, mit kindischen Schießereien und Herzschmerz und einem schwarz gewandeten Chor, der in Schleefscher Manier vor sich hin skandiert – das wissen nur die Götter. Andreas Schäfer

Wieder am 2. und 8. September.

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