Kultur : Begnadete Angst

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Kaum einer, der sich am Ende der Aufführung in der Deutschen Oper nicht verstohlen die Tränen aus den Augen wischte... Francis Poulenc hat mit „Dialoge der Karmeliterinnen“ nicht nur eine der bedeutendsten Opern des 20. Jahrhunderts komponiert – er schuf das wohl ergreifendste Finale der Musikgeschichte: Wenn die Karmeliterinnen mit hinreißendem Choralgesang gemeinsam zum Schafott schreiten und eine nach der anderen vom schneidenden Klang der Guillotine „gefällt“ wird, bis als letzte die angstbesessene Blanche ihren Klosterschwestern in den Tod folgt, wächst die Erschütterung des Publikums bis ins fast Unerträgliche. Man spürt in jeder Szene, dass die junge Blanche die Verkörperung der Todesangst einer ganzen, zu Ende gehenden Epoche darstellt. Mit ihrer Meisternovelle „Die Letzte am Schafott“ spiegelte Gertrud von Le Fort die aufkommende Nazizeit in die Zeit der Französischen Revolution zurück. Mit dem Schicksal der Karmeliterinnen von Compiègne zeigt sie, wie in den Dreißigern nicht nur unsere Kultur, sondern auch die Wurzeln unserer religiösen Existenz bedroht wurden. Das Bühnenstück „Begnadete Angst“ von Georges Bernanos gestaltete Poulenc zu einer der erschütterndsten Opern unserer Zeit. Ich war überwältigt, wie es auch in der Moderne – die „Dialoge“ wurden in den Fünfzigern komponiert – glaubwürdig möglich ist, Opern nicht nur von bestürzender Dramatik, sondern auch mit berückender Melodik zu komponieren.

Stephan Braunfels, 53, lebt als Architekt in München und hat in Berlin u.a. das Löbe und das Lüders-Haus für den Bundestag entworfen. – „Dialoge der Karmeliterinnen“ in der Deutschen Oper Berlin: nochmals heute sowie am 17. und 27. Juni.

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