Kultur : Behämmerte Eliten Vladimir Sorokin sucht noch immer nach dem Paradies

Peter Köhler

Die Gefangenen werden gefesselt, geknebelt und angebunden. Man schreit sie an: „Gib Antwort!“, und schlägt mit einem Eishammer auf das Brustbein ein. Fast alle sterben, doch manchmal geschieht ein Wunder: Das malträtierte Herz beginnt zu sprechen und verrät den Peinigern den wahren Namen des Opfers: Ural, Diar oder Moho zum Beispiel. Noch etwas ist den Überlebenden gemeinsam: Sie sind blond und blauäugig. Und ob sie wollen oder nicht, keiner vermag sein gewohntes Leben fortzusetzen. Unentrinnbar geraten der Student Juri, die Hure Natascha und der Geschäftsmann Boris Borenboim, die in Vladimir Sorokins Roman „Ljod“ stellvertretend für die russische Gesellschaft stehen, in den Bannkreis einer geheimnisvollen Sekte, deren Ziel die Erlösung des Planeten Erde ist. Eine steinalte Frau führt die neu gewonnenen Mitglieder in den Geheimbund ein, in dessen Lehre das Eis des 1908 über Sibirien niedergegangenen Meteoriten das mystische Zentrum bildet.

Die Sehnsucht nach dem Paradies, der Wunsch nach Erlösung, die Suche nach dem wahren Menschen, mit anderen Worten die romantisch unbedingte Jagd nach einem absoluten Ideal, die in der politischen Praxis in Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit umschlägt - dieses Thema gestaltet der 48-jährige Sorokin in seinen Romanen in immer neuen Konstellationen und wiederkehrenden Motiven. Die blaue Blume der Romantik färbte schon den „Himmelblauen Speck“ (2000) ein, die esoterische Kraft der Herzen pochte auch in den „Herzen der Vier“ (1993), und die Kippfigur von Gut und Böse prägte bereits den Russland-„Roman“ (1995), der nach vielhundertseitiger, das 19. Jahrhundert beschwörender Idylle im Blutbad endet. Der Umschlag der Extreme kennzeichnet auch „Ljod“ (russisch für Eis), nur dass dieser Roman die Summe des verrückten 20. Jahrhunderts zieht und in Sorokins Schaffen den vorläufigen Gipfel markiert.

Während die Erleuchteten einander in Liebe zugetan sind, gelten andere Menschen für sie als innerlich tot und können ohne Mitleid geopfert werden. Deshalb hat in Sorokins wunderbar bedenkenloser Romanfiktion die zum wahren Leben erweckte Elite keine Scheu, im Zweiten Weltkrieg sich der SS zu bedienen, um blauäugige Blonde aus der Menschheit zu sieben, unter Stalin den Geheimdienst zu infiltrieren, um die reinen Herzen ausfindig zu machen und den Rest zu liquidieren, oder im neuen Russland mit der Mafia zusammenzuarbeiten. Dabei bleibt Sorokins Satire nicht stehen. Er nimmt auch die marktwirtschaftliche Gegenwart aufs Korn, wenn er schildert, wie die Sekte ein „Wellness-Set Ljod“ auf den Markt bringt, das eine virtuelle Reise ins Licht ähnlich einem Nahtoderlebnis verspricht und begeisterte Kunden findet.

Doch nicht nur die Brüderschaft passt sich der neuen Zeit an, sondern auch Sorokin: Der Avantgardist wird populär. Nach wie vor besticht sein Talent, Charaktere, Situationen und Milieus in wenigen Sätzen, in knappen Dialogen zu skizzieren. Zugleich nähert sich seine Sprache seit dem „Himmelblauen Speck“ der des Films an. „Ljod“ beginnt wie ein Thriller, das Stilprinzip von kurzen, bisweilen Regieanweisungen ähnelnden Beschreibungen mit viel Rede und Gegenrede treibt die Handlung voran wie in einem Kriminalfilm, und der Aufbau des Romans aus Episoden und Rückblenden ähnelt der Schnitttechnik des Erzählkinos.

Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man sogar meinen, dass die Anzeige wegen Pornografie, die Sorokin nach seinem letzten Roman abwehren musste, literarische Wirkung gezeitigt hätte. Im „Himmelblauen Speck“ hatte Sorokin einen „Orden der russischen Erdrammler“ erfunden, der seine Kraft aus der Penetration der eisharten russischen Erde in Sibirien gewinnt, und eine Kopulation zwischen Stalin und Chruschtschow geschildert. Das Gerichtsverfahren, das die patriotische „Putinjugend“ daraufhin angestrengt hatte, wurde erst dieses Frühjahr eingestellt. Dass „Ljod“ nahezu frei ist von Sex, ist aber kein Zugeständnis an die Sittenwächter: Auch deren Wunsch nach Reinheit ist nur ein Wahn, ähnlich wie die Ideologie der Behämmerten in „Ljod“. Die Behämmerten nämlich haben sich der wahren, von körperlichem Schmutz gereinigten Liebe verschrieben, aber sind im Grunde ihres Herzens kalt wie Eis.

Vladimir Sorokin: Ljod. Das Eis. Roman. Aus dem Russischen von Andreas Tretner. Berlin Verlag, Berlin 2003. 349 Seiten,19,90 €.

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