Kultur : Bei aller Freundschaft

Am Roten Platz wird das deutsch-russische Kulturjahr fortgesetzt: „Moskau-Berlin 1950–2000“ setzt auf Konfrontation

Bernhard Schulz

Eine bessere Adresse in Moskau kann man sich nicht denken: Roter Platz 1-2. Das Staatliche Historische Museum bildet das Bindeglied zwischen dem feierlichen Platz im Schatten der Kreml-Mauern und dem geschäftigen Manageplatz auf der anderen, der Haupteingangsseite des Hauses. Der Andrang der Festgäste zur Eröffnung am Freitagabend wie auch das enorme Interesse der Medien sind erste Indizien, die regen Publikumszuspruch während der 10-wöchigen Laufzeit erwarten lassen. Ursprünglich sollte die Ausstellung „Moskau–Berlin/Berlin –Moskau 1950–2000“, die russische Version der zuvor im Berliner Martin-Gropius-Bau gezeigten Übersicht, in der neuen Tretjakow-Galerie gezeigt werden, einem wenig einladenden Repräsentationsklotz. Doch die Nähe zum Kreml und die Hoffnung auf einen Besuch von Putin und Kanzler Schröder bewirkten die offiziell mit technischen Problemen begründete Verlegung. Der Ausstellung tut das keinen Abbruch – im Gegenteil. Die Beschränkung auf 1700 Quadratmeter Ausstellungsfläche (nach 5000 Quadratmetern in Berlin) führt zu einer sichtbaren Zuspitzung des Konzeptes.

Obwohl im Vorfeld angekündigt worden war, die Moskauer Ausstellung ganz anders ausfallen zu lassen als das Berliner Original, ist das Material lediglich variiert worden. Die russische Seite betonte zwar, dass ihr finanzieller Beitrag sich neben den größeren deutschen Aufwendungen sehen lassen kann. Doch ohne die von den Berliner Festspiele-GmbH geleistete Vorarbeit gäbe es die Moskauer Ausstellung nicht. Das deutsch-russische Kulturjahr 2003/04, dessen Höhepunkt die Schau markiert, bleibt eher doch eine Einbahnstraße.

Dazu hat gewiss beigetragen, dass der bisherige Kulturminister Schwydkoi seinen Sessel bei Putins Kabinettsumbildung räumen musste. Nachfolger Alexander Sokolow lotet seinen Handlungsspielraum erst noch aus – für bilaterale Belange bleibt zunächst wenig Raum. Die leidigen Gespräche über die Rückführung der entgegen aller Verträge zurückbehaltenen Beutekunst, die Kulturstaatsministerin Christina Weiss am Sonnabend einmal mehr zu führen hatte, belegen nur den Rückfall auf den status quo ante. Entsprechend förmlich fiel ihre Stellungnahme vor Journalisten aus. Bewegung auf russischer Seite ist kaum zu erkennen.

Die Ausstellung selbst nimmt, weit deutlicher als in Berlin, Bezug auf ihren Untertitel „Von heute aus“. Ko-Kurator Viktor Misiano betonte, 15 Jahre nach dem Ende der europäischen Blockteilung hervor sei angezeigt, die „Einheit der Weltkultur“ zu demonstrieren. Der von den russischen Kuratoren erhobene Anspruch, weit stärker als in Berlin „den kulturhistorischen Kontext“ aufzuweisen, wird jedoch kaum eingelöst. Vielmehr ist ein subjektiver Essay über bilaterale Beziehungen entstanden, kein wissenschaftlich gesicherter Exkurs über die parallele, zu Zeiten auch gemeinsame Geschichte.

Fremd sind sich beide Länder mit dem Zweiten Weltkrieg geworden und, allen Freundschaftsbeteuerungen zum Trotz, auch geblieben. Man kann streiten, ob der Anteil an DDR-Kunst innerhalb der Ausstellung genügt, um das Kapitel der Blockzugehörigkeit zu beleuchten. Für eine historische Aufbereitung ist er zu gering. Ebenso spielt die sowjetische Kunst von Chruschtschow- und Breschnew-Ära nur eine Nebenrolle. „Von heute aus“ heißt, vor allem die nonkonformistische Kunst dieser bleischweren Jahre hervorzuholen, sei sie in Russland selbst entstanden oder im Exil, in dem Künstler wie Ilya Kabakov oder das Duo Komar und Melamid zu Weltruhm aufstiegen.

Weit stärker als in Berlin ist die Ausstellung zu einem visuellen Ereignis geworden. Sie setzt auf erhellende Konfrontationen. Schon vom Treppenhaus aus erspäht der Besucher die kitschige Stalin-Hommage „Morgen unseres Vaterlandes“ von 1948. Aber gleich daneben dann vier Bilder aus der unendlichen Serie „Hommage an das Quadrat“ von Josef Albers. Was der ins amerikanische Exil vertriebene Bauhäusler mit Berlin zu tun hat? Wenig – aber es ist ja auch das erklärte Ziel der Ausstellungsmacher, die geografische Beschränkung auf die beiden Metropolen aufzuweiten in einen übergreifenden Dialog von Ost- und West-Kunst.

Die schon in Berlin so beeindruckenden Gemälde von Geli Korschew aus den Sechzigerjahren, die die Traumata des Krieges in ungeschminkte Porträts bannen, verfehlen ihre Wirkung in einem Land nicht, dessen gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht zuletzt auf dem Kriegstrauma von 1941/45 beruht. Die deutsche Kunst hat eine gleichwertige Auseinandersetzung mit der Geschichte nicht geführt. Allein Hans-Peter Feldmanns aus billigen Fotokopien gefertigte Serie über die Opfer des Terrors von RAF und Konsorten, „Die Toten 1967–1993“, kommt in Moskau Korschews gezügeltem Pathos nahe.

Dass die russische Kunst der Gegenwart die Loslösung von allen ideologischen Vorgaben vorwiegend zu schrillen Effekten nutzt, muss gleichwohl konstatiert werden. Andererseits ist Ilya Kabakovs Installation „Der Mann, der aus seinem Zimmer ins Weltall flog“ von 1981/88 ein Meisterwerk, das vier Jahrzehnte des UdSSR-Nachkriegs-Sozialismus in ein einziges Bild zu fassen vermag – und zugleich die Sehnsucht nach dem „anderen“ Leben. Genau in diesem Sinne dürfte die Ausstellung Wirkung zeigten. Sie ist in Moskau am rechten Ort – im Zentrum der Weltstadt, in Rufweite der Macht.

Moskau, Historisches Museum, Roter Platz, bis 14. Juni. Zweibändiger Katalog, ca. 29 €.

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