Kultur : Bei Anruf Mob

Es gibt Horror-News und schockierende Giga-Ziffern, die uns - unter permanentem statistischem Trommelfeuer - schon lange kalt lassen. 40 Millionen HIV-Infizierte (weltweit) ! 4 000 000 Arbeitslose (hier) ! Milliarden-Summen für Berlins Schuldentilgung oder den Afghanistan-Krieg! An viele, allzu viele Nullen landauf landab hat man sich gewöhnt. Aber dass amtlichen "Schätzungen zufolge" 21,6 Millionen Menschen in Deutschland unter Mobbing am Arbeitsplatz leiden, wie Associated Press dieser Tage meldet: Damit mag sich unsereiner nicht auch noch klaglos abfinden. Veröffentlicht wird die schlechte Nachricht vom NRW-Arbeitsminister Schartau, der zur Lösung des Problems die "Gemeinschaftsinitiative Gesünder Arbeiten" (abgekürzt: GiGA) gegründet hat. "Mit unserem ständigen Angebot wollen wir professionelle Hilfe anbieten, um den Einzelnen so schnell und so gut wie möglich aus seiner bedrückenden, langfristig krank machenden Situation herauszu helfen", sagt der Minister - und propagiert eine helfende Hotline (0180 - 3100113), während wir im nachdenklichen Feuilleton nicht zur Tagesordnung übergehen mögen, sondern echt benommen vor den Trümmern unserer heilen Arbeitswelt sitzen. 21,6 Millionen! Die Hälfte der Erwerbstätigen, zwei Drittel aller Arbeitnehmer: Welches Leid verbirgt sich hinter solchen Zahlen?

Freilich solle auch bei diesem Thema der Terminus sauber definiert werden. Versteht man doch hier zu Lande unter "Mobbing" weder das Pogrom im Büro noch die verbreitete, aber unästhetische Schikane, Berge ungespülter Tassen vor dem Arbeitsplatz gequälter Mitarbeiter aufzutürmen, sondern den Psychoterror in der Grauzone zwischen Stilfrage und Menschheitsverbrechen: das systematische Kollegen-Bashing. 21,6 Millionen! Das Profil typischer Mobbing-Opfer können wir uns vorstellen, wir wissen ja nur zu gut, wie solche Leute aussehen. 21,6 Mios! Aber wer, um Riesters willen, sind die anderen? Alles aktive Mobber oder light mobbende Mitläufer? Oder Mobber und Gemobbte zugleich? Und existiert das Mobbing-Problem auch in der GiGA-Zentrale, im Kreise der Hotline-Profis? Könnten denn sogar Chefs gemobbt werden, ob sie nun Jagoda oder Scharping heißen, und wie hoch muss deren Schmerzensabfindung ausfallen, damit ihr unattraktiver Opfer-Status wieder verblasst? Und wie eigentlich, apropos, berechnen sich jene "bis zu 50 Millionen Euro" Kosten, die nach Schartaus Kalkulation mobbenden Unternehmen entstehen: pro Volkswirtschaft? pro Firma? pro Opfer? Offenbar gerät solch eine Vergeltungsspirale leicht außer Kontrolle, selbst wenn nicht jeder, der sich selbst als Mobbing-Opfer fühlt, gleich ein Flugzeug kidnappt und zur fliegenden Bombe umfunktioniert. Insofern ist Minister Schartaus Betroffenen-Hotline ein prinzipiell positives Konzept für die Installation des Weltfriedens; wer sie allerdings anwählt, erfährt derzeit nur von einem melodiös untermalten Call-Center "Call NRW", die Aktion sei bislang noch nicht angelaufen. Vielleicht kommt die "Gemeinschaftsinitiative Gesünder Arbeiten" also fürs erste mal einfach zum Tassenspülen vorbei.

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