Kultur : Bei Anruf Mord

Telefonieren ist sehr aufregend geworden, viel aufregender als ein Kriminalroman. Denn unter Umständen, die noch geklärt werden müssen, verwandelt sich das Telefon in ein geheimes Ohr, einen unfreiwilligen Tatzeugen, über den wildfremde Menschen einander intimste Geheimnisse offenbaren. Es ist wie ein Hörspiel. Mit dem kleinen Unterschied vielleicht, dass wir nicht unbeteiligt sind. Wie das geht?

Das Telefon klingelt, doch statt eines Anrufers höre ich: Schritt-schritt-schritt... Irgendjemandes Handy muss sich selbständig gemacht und zufällig diese Nummer gewählt haben. Vermutlich steckt es in einer Manteltasche oder an einem Gürtel. Ich kann Autos im Hintergrund vorüberfahren hören, höre die gleichmäßigen Schritte, die kurz ihren Takt verändern, als eine Tür geöffnet wird und die Person ein Haus betritt. Ein Schlüsselbund rasselt, eine zweite Tür wird aufgeschlossen... Ich lege auf.

Ich weiß nicht, um wen es sich handelt, kein einziges Wort ist bisher gesagt worden, die Nummer wird "unterdrückt". Darf ich da zuhören? Wieviel Geld das den Anderen kostet! - Das Telefon klingelt erneut: Schrall-schrall-schrall... Ein Treppenhaus. Jemand geht Stufen empor. Wenn im Film die Perspektive des Mörders übernommen wird, um dessen Identität zu verschleiern, dann ist das genauso. Man ist der Komplize seines Adlerblicks und vollkommen machtlos. Aber diese Ohnmacht ist aufregend. Auch ich kann mich ja nicht verständlich machen. So will ich wenigstens wissen, wer mich zum Zeugen macht. Es muss doch möglich sein, in den Lauf der Dinge einzugreifen.

Eine Tür wird aufgestoßen - Krisch-krisch-krisch... Die Person läuft über ein Kiesbett, wie es sie auf den Dächern von Flachbauten gibt. Dann bleibt sie stehen. Und wenn es ein Freund ist? Plötzlich stürzt ein Schatten an meinem Fenster vorbei. Die Verbindung bricht ab: Tut-tut-tut...

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