Kultur : Bei Anruf: Ort

Marei Wenzel und Iris Czak suchen Locations für Filme. In einem Buch zeigen sie das private Berlin

Jeannette Krauth

Es riecht nach Knoblauch hier oben. Egal, denn was zählt, ist die Aussicht: ein Flickenteppich aus grauen und roten Dachschindeln. Dazwischen als dicke Ader die Karl-Marx-Allee und wie zum Greifen nahe der Fernsehturm. Gegenüber glasverkleidete Lofts mit Dachgärten. Alles ohne eine Absperrung zu sehen, hier auf diesem Dach im 14. Stock, das mit Wellpappe belegt ist. Schaut man die benachbarte Häuserwand herunter, sieht man Plastikblumenkästen, die gelbes Gras beherbergen. Weiter unten liegt ein Steakhaus, daher stammt der Knoblauchgeruch. Ein Ort so trostlos wie grandios.

Vor kurzem wurde hier eine Leiche gefunden. Stockwerke unter den Blumenkästen, vor der Drogerie im Erdgeschoss. Ein Komissar entdeckte sie, als er auf dem Dach stand. Es war eine Folge von „Der Kriminalist“, einer Krimiserie des ZDF. Das Dach kam in die Serie, weil Iris Czak es castete, sozusagen. Sie hat diesen Ort für den Film entdeckt. Ideal sei das Dach, sagt sie, weil „es nicht so weit oben ist, dass man das Gefühl hat, auf ein Häusermeer zu schauen“, sondern man würde sich mitten in der Stadt fühlen. An so einer Stelle würde jedes Kamerateam einen Schwenk über die Stadt machen, sagt sie.

Iris Czak muss das wissen. Gemeinsam mit ihrer Geschäftspartnerin Marei Wenzel sucht sie Orte, Straßen, Plätze und Wohnungen für Filmproduktionen aus. Die beiden sind hauptberufliche Locationscouts – Locationsscouts mit Fotografieausbildung. Gerade ist ihr Buch „Schauplatz: Berlin“ erschienen, ein Fotobildband, der intimene Einblicke in die Stadt gewährt, in Schlafzimmer schaut, auf Balkone, in Badezimmer, auf Schreibtische. Die Schnappschüsse der beiden Scouts formieren sich zu einer Stadtcollage aus viel Proletarierblut (brüchige Fliesen, Risse in den Wänden, aufgeräumte Kleinküchen), skurrilen Liebhabereien (etwa das Sammeln von lebensgroßen Stofftieren) und eine Prise Protz (Eckbadewannen unter Messing-Spot-Leuchten, in die Decke eingelassen).

Das Buch zeigt die künstlerischen Ambitionen der beiden. Sie sind Schülerinnen von Arno Fischer, dem vielleicht bekanntesten Fotografen der DDR, sie lernten sich in seiner Schule „Fotografie am Schiffbauerdamm“ kennen. Iris Czak arbeitete dort vor allem mit Panoramaperspektiven, Marei Wenzel mit der Plattenkamera – ein ganz gegenteiliges Arbeiten zum schnellen Ablichten der Drehorte. Der Reiz liegt für beide nun darin, neben dem schnellen Locationscout-Tagesgeschäft auch künstlerisch zu arbeiten. Möglich war auch das Buch, weil ihr Brotjob, das Aussuchen der Spielorte für Drehbücher, ihnen einen unglaublichen Fundus von „über 10 000 Motiven“ ermöglichte.

Aber wie geht das eigentlich? Einen Ort finden, wenn im Drehbuch „Kinderzimmer, sonnig, gut bürgerlich, Ikeastil“ steht, oder „Plattenbau, Flachdach, viele Mieter, anonym“? Es geht so, dass die beiden losziehen, durch die Stadt fahren. Für das gutbürgerliche Zimmer in eine gutbürgerliche Gegend. Und für das Mietshaus mit Aussicht etwa in Richtung Alexanderplatz. So war das bei der Suche nach dem Drehort für „Der Kriminalist“. „Dann geht man sozusagen mit einer Flachdach-Brille durch die Stadt“, sagt Marei Wenzel. Entdecken sie ein vielversprechendes Haus, wie dieses mit der Knoblauch-Terrasse in der Memhardtstraße, wird geklingelt, erforscht, wer denn da einen Schlüssel haben könnte.

In diesem Fall war das Heinz-Dieter Jahn, seit 37 Jahren Hausmeister der Wohnungsbaugesellschaft Mitte. Der Mann in blauer Latzhose führt die beiden Locationscouts an einem sonnigen Maitag noch mal durch das Haus, und ebenso auch die Besucherin von der Zeitung. Graffitis und Filzschreiber-Muster kleben auf beigen Betonwänden neben den Fahrstühlen. Ein langer, langer Flur geht davon ab und gibt den Blick frei auf acht Wohnungseingänge. Glaslampen mit Runzelmuster hängen vor jeder zweiten Tür, eingekleidet ist das Ganze in Blümchenmustertapete. „So etwas findet man ganz selten“, sagt Marei Wenzel. „Statt weißer Tünche Nostalgie aus der DDR“. Von 1982 ist die Tapete, sagt der Hausmeister.

Ein Video der irisch-deutschen Popband Reamon sei hier schon gedreht worden, „da musste das Mädchen zwanzig, dreißig Mal durch die Wohnungstür gehen“. Die Frauen, Marei Wenzel groß, schlaksig, in braunem Ledermantel, Iris Czak klein, quirlig, mit Sommersprossen, schauen nicht nur nach exklusiven Tapetenmustern, sondern etwa danach, ob sich hier ein Filmteam überhaupt bewegen kann, ob die Räume nicht zu kleinteilig sind. Stimmt alles, zücken sie die Kamera und lichten „Schuss und Gegenschuss“, also alle Richtungen, in die die Filmkamera blicken soll, ab. Pro Tag sammeln sie fünf, sechs Motive, 50 Drehorte braucht etwa ein Drehbuch für eine Serienfolge „Der Kriminalist“. Die Filmfirmen entscheiden sich dann zwischen zwei, drei Vorschlägen. Bezahlt werden die Scouts per Tagesgage. „Von einem Serienauftrag à drei Drehbüchern kann man zwei Monate leben“, sagt Czak.

Momentan sucht sie ein Gebäude, das als Internat für eine „Hanni und Nanni“-Verfilmung dienen soll. Das sei schwierig, deshalb seien dafür ungefähr 20 Tagessätze eingeplant. Spannend sind auch Suchaufträge wie „ein Hacker-Domizil“. Zuerst hätte sie „wild herumgegoogelt“, und schießlich eine Konferenz vom „Chaos Computerclub“ gefunden. Ein Teilnehmer klang interessant: die Firma „C-Base“, die in einem Keller an Computertechnik herumtüftelt. Da sind sie dann einfach mal vorbeigegangen. „Die meisten Leute lassen uns herein, wenn klar ist, dass wir keine Vertreter sind“, sagt Wenzel. Manchmal findet sich etwas ganz anderes als gesucht wurde: Auf den Balkon mit den Plastikflamingos stießen sie in Treptow, als sie ein „unauffälliges“ Haus suchten.

Glücklich sind die Fotografinnen, wenn sie Szenen finden, die eine Geschichte erzählen. Wie das Loft in der Nähe vom Pfefferberg, in dem das Bettzeug noch zerwühlt ist, der Hund auf dem Sofa sitzt. „So eine entspannte Atmosphäre kann man gar nicht inszenieren“, sagt Iris Czak. Die muss man finden.

Iris Czak, Marei Wenzel: Schauplatz: Berlin. Peperoni Books, Berlin. 300 Seiten, etwa 400 Fotos, 40 Euro.

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