Kultur : „Bei mir sind Stars billiger“

Der Wiener Intendant Ioan Holender zur Berliner Opernstiftung

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Herr Holender, jetzt soll das Gesetz zur Opernstiftung abgesegnet werden. Kehrt endlich Frieden in die Berliner Häuser ein?

Ich bin da skeptisch. Denn in den Häusern sitzen ja noch die gleichen Leute – die haben bis gestern noch gegeneinander gekämpft und sollen morgen solche Dinge wie ein gemeinsames Marketing auf die Beine stellen. Das funktioniert doch nicht. Auch weiterhin werden sowohl Deutsche Oper wie Staatsoper das so genannte Kernrepertoire spielen wollen, und das sind nun mal bloß 25 bis 30 Stücke. Da kommt es zwangsläufig zu Repertoiredoubletten. Ich glaube einfach nicht, dass sich dieses Konkurrenzdenken unterm Stiftungsdach in Luft auflöst und sich die Rangelei um Spielplanabstimmungen verringern wird. Auch wenn es den übergeordneten Stiftungsdirektor gibt.

Macht die Stiftung dann überhaupt Sinn?

Sie macht dann Sinn, wenn sie ein milder Weg zur Vereinigung von Deutscher und Staatsoper ist – und die Äußerungen von Kultursenator Thomas Flierl mir gegenüber habe ich jedenfalls in diesem Sinne verstanden. Im Jahr 2007 laufen alle relevanten Verträge aus, das wäre der Zeitpunkt, zu dem dieser Schritt geschehen müsste. Berlin beharrt mit diesen beiden Opernhäusern auf einer Konstellation, die es politisch nicht mehr gibt. Die tun einfach so, als sei die Mauer noch da. Und diesen Kernkonflikt wird man nicht lösen können, solange die beiden Häuser nicht vereint sind.

Unter einem Chefdirigenten?

Natürlich. Die Politik muss sich dann für Thielemann oder für Barenboim entscheiden. Wobei ich mir auch sehr gut eine Staatskapelle ohne Staatsoper mit einem Chefdirigenten Barenboim vorstellen kann. Die ist doch ein ausgezeichnetes Konzertorchester.

Also ein Generalmusikdirektor Thielemann?

Der Christian ist ein wunderbarer Dirigent und kann einfach alles dirigieren. Er ist sogar einer der wenigen deutschen Dirigenten, der Sinn für Operette hat. Ich habe ihm immer gesagt, das solle er doch mal machen. Das heißt natürlich nicht, dass er alles dirigieren muss: Wir haben zum Beispiel an der Deutschen Oper für 2004 einen „Ring“-Zyklus ohne Thielemann angesetzt, weil ich der Überzeugung bin, dass dieses Werk in Berlin gespielt werden muss und man nicht darauf verzichten kann, nur weil es mit den Terminen des Chefs nicht klappt.

Und der Generaldirektor der Opernstiftung heißt dann Ioan Holender?

Nein, das auf gar keinen Fall. Vor zehn Jahren wäre das eine großartige Herausforderung für mich gewesen, für Berlin ein erstklassiges großes Opernensemble aufzubauen. Aber jetzt bin ich 68 und beschränke mich darauf, meine Berliner Aufgabe als künstlerischer Berater der Deutschen Oper zu Ende zu führen: Und die besteht darin, das sängerische Niveau zu heben und die Auslastung zu erhöhen. Wenn die Planung für die Saison 2004/05 steht, ist diese Aufgabe beendet.

Diese Planung findet aber erst mal unter strengen Sparvorgaben statt.

Ach, das sehe ich nicht so dramatisch.Wenn das passieren würde, was kulturpolitisch richtig ist, bräuchte man ohnehin weniger Geld. Statt zweier großer Opernchöre bräuchte man zum Beispiel nur einen, wenn man die Spielpläne gescheit aufeinander abstimmen würde. Und was die Sängergagen angeht, sehe ich nicht ein, weshalb man Höchstgagen zahlen muss, nur weil Köln oder München das tun. Bei mir in Wien treten die Stars für weniger Geld auf, und das soll auch an der Deutschen Oper so sein. Viel wichtiger ist, dass eine Edita Gruberova und ein Neill Shicoff hier überhaupt Opern mit Rollen für sich vorfinden.

Sie haben den Ruf, vor allem den Regisseuren streng auf die Finger zu schauen.

Auch die Regisseure müssen sich nach den Gegebenheiten des Opernbetriebs richten. Bei mir kommt es nicht in Frage, dass ich das Haus wegen Proben für eine Neuinszenierung abends zusperre. Ein Theater muss spielen! Natürlich ist die Regie heute viel wichtiger, auch weil technisch viel mehr möglich ist. Aber die Opernhäuser sind nun mal die gleichen wie vor 150 Jahren. Daher kann ich Boulez’ berühmte Forderung, man solle die Opernhäuser in die Luft sprengen, sogar verstehen. Das Absolute erreicht man ohnehin nie – es gibt ja auch keinen hundertprozentigen Alkohol!

Das Gespräch führte Jörg Königsdorf.

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