Kultur : Bei uns immer der Jupp

Besuch beim Freund und Sammler Franz Joseph van der Grinten: eine Reise ins Beuys-Land am Niederrhein

Nicola Kuhn

Die Landschaft zeichnet sich durch Beharrlichkeit aus: Wiesen, Wiesen, Wiesen, darüber unendlicher Himmel, dazwischen dann und wann ein Bauernhaus aus braunrotem Backstein und die berühmten Pappelalleen. Das war immer schon so. Auch in den letzten zwanzig Jahren hat sich hier kaum etwas verändert, bis auf den ein oder anderen Videoshop am Rande der Ortschaften oder das Cinemaxx gleich am Bahnhof von Kleve, der hartnäckig das C im Ortsnamen weiterführt. Der Niederrhein ist sich treu geblieben: ein plattes Land. Und von Hanns Dieter Hüsch, dem kürzlich verstorbenen Kabarettisten, wissen wir über den äußersten Zipfel Westdeutschlands, dass auch den Menschenschlag dort die gleiche Beharrlichkeit auszeichnet.

Diese Eigenschaft ist das stärkste verbindende Element zu einem anderen großen Niederrheiner, zu Joseph Beuys, den Weltbürger und Revolutionär der Kunst des 20. Jahrhunderts, der in stundenlangen Sitzungen mit eben jener niederrheinischen Sturheit seine Ideen darlegen konnte, immer wieder. Trotz Performances in New York und Konzerten in Tokio, Einladungen in die großen Ausstellungshäuser rund um den Globus blieb Beuys seiner Heimat verbunden; daraus hat er nie einen Hehl gemacht. Mindestens einmal im Monat reiste der hagere Mann mit dem Hut und der unverwechselbaren Weste von Düsseldorf aus die anderthalb Stunden den Rhein hinunter, wo sich die Weiden immer weiter strecken und der Horizont immer tiefer nach unten drückt.

Wer will, kann Spuren seiner Herkunft im Werk entdecken. Da gibt es jenes frühe Aquarell „Pappeln bei Rindern“, dem Ort, in dem Beuys aufgewachsen ist. Heute noch trägt eine Bushaltestelle i, Dorf den Namen der Familie; gleich gegenüber befand sich die alte Molkerei, in der Vater und Onkel des Jungen gemeinsam eine Landproduktehandlung betrieben. Auch die Rinder, Hirsche, Ziegen, all die Paarhufer in seinen Zeichnungen wären ohne die Kindheit und Jugend am Niederrhein zwischen den Herden hoch gezüchteter Tieflandrinder nicht denkbar. Ebenso haben sein fundamentales Naturverständnis, das Engagement für grüne Politik in den Achtzigerjahren seine Wurzeln in der ländlichen Herkunft.

Und umgekehrt? Hat Beuys seinerseits Spuren in der Heimat hinterlassen, die jetzt, zwanzig Jahre nach seinem Tod am 23. Januar 1986 sichtbar werden? Kaum. Das einzige plastische Werk, das von ihm öffentlich zugänglich ist, ist das Grabmal der Familie van der Grinten auf dem Friedhof von Kranenburg. Wer es gefunden hat, diese beiden stilisierten Figuren mit den kreuzförmig ausgebreiteten Armen, der kennt auch schon die wichtigste Geschichte von Beuys am Niederrhein: seine Begegnung als unbekannter Künstler im Sommer 1951 mit den Brüdern van der Grinten, die im elterlichen Bauernhaus, später sogar im Stall seine ersten Ausstellungen organisierten und über die Jahre seine größten Sammler wurden. Das Elternhaus der Grintens sollte für Beuys noch in anderer Hinsicht wichtig werden: Physisch und psychisch erschöpft – von der Freundin verlassen, die künstlerische Anerkennung ließ auf sich warten –, fand er dort 1957 für einige Monate Unterschlupf. Obwohl sich die Familie selbst in der Krise befand – der Vater war gerade verstorben –, durfte der Künstler das Zimmer des jüngsten Sohnes beziehen und half dafür bei der Feldarbeit aus.

Wenn Franz Joseph van der Grinten von dieser Zeit erzählt, dann scheint das nicht fünfzig Jahre, sondern erst fünf Tage zurückzuliegen. „Manchmal schloss er sich tagelang in meinem Zimmer ein, bis meine Mutter am Ende an seine Türe klopfte und sagte ‚Herr Beuys, kommen Sie mal raus, ich muss mit Ihnen reden.’ Und dann hat sie ihm erklärt, dass jeder Verantwortung für sein eigenes Leben trägt und eine Aufgabe hat, und dass sie als Landwirtin schließlich auch nicht das Vieh ohne Futter lassen könne.“ Die lebenstüchtige Bäuerin schickte den jungen Mann darauf mit einem geliehenen Fahrrad wieder nach Hause. Am nächsten Tag brachte er das Rad zurück und war von seiner Depression genesen.

Der 73-jährige van der Grinten hat seine eigene Sicht auf den „Jupp“, wie sie ihn hier nennen. Sie deckt sich nicht immer mit der kunsthistorischen Betrachtungsweise. Aber mit seinem vor vier Jahren verstorbenen Bruder Hans trug er nun einmal die größte Sammlung an Papierarbeiten des bedeutendsten deutschen Nachkriegskünstlers zusammen. Und das ist ein Pfund, mit dem nicht nur der verschmitzte Niederrheiner, sondern ganz Nordrhein-Westfalen zu wuchern vermag. Deshalb konnte die Geschichte der Sammlung auch einen glücklichen Ausgang nehmen. Vor neun Jahren hielten die über 4000 vornehmlich frühen Werke Einzug in Schloss Moyland bei Bedburg-Hau, einem mittelalterlichen Kastell, das 1662 im Stil des holländischen Barock umgebaut wurde und Mitte des 19. Jahrhunderts durch den Kölner Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner eine neogotische Ummantelung erhielt. Seitdem gleicht es einer Märchenburg.

64 Millionen Mark investierte Nordrhein-Westfalen in die zehn Jahre währende Sanierung des heruntergekommenen Schlosses und den Umbau zu 2000 Quadratmetern Ausstellungsfläche, um dort der Kollektion van der Grinten eine neue Heimstatt zu geben. Die Brüder hatten, animiert von Beuys, nicht nur dessen Werke gesammelt, sondern darüber hinaus ein gewaltiges Spektrum von klassizistischen Medaillen bis zu expressionistischer Grafik, von Jugendstil-Kunstgewerbe bis zur Fotografie abgedeckt. In der Vorburg residiert als Außenstelle der Düsseldorfer Kunstakademie das Joseph-Beuys-Archiv, ein Pendant zur Berliner Einrichtung im Hamburger Bahnhof, mit zehntausenden Briefen und Zeitungsausschnitten, die der Künstler den Brürdern van der Grinten seit 1967 überlassen hatte.

Wer also über Beuys forschen möchte, der findet in Düsseldorf, wo der Künstler nach dem Rauswurf durch den damaligen Wissenschaftsminister Johannes Rau zumindest das Atelier in der Kunstakademie behalten durfte, zwar eine nach ihm benannte Uferstraße, genau dort, wo Beuys nach der Rheinüberquerung mit seinem Einbaum gelandet war. Aber Quellenmaterial findet er dort kaum. Dafür muss man schon die Reise ins Beuysland selbst antreten, auf schnurgeraden Landstraßen oder mit der Bahn, die alle halbe Stunde ab Krefeld nach Kleve fährt, dann mit dem Wagen weiter nach Moyland.

Beuys hat die Idee von der Hinterlassenschaft in einem Märchenschloss gefallen; an den Vorgesprächen für das Projekt war er kurz vor seinem Tod noch beteiligt. Ob ihm die Hängung seiner Werke allerdings zugesagt hätte, darüber streitet sich die Gemeinde bis heute. Denn als Gründungsdirektoren pflasterten die Brüder van der Grinten die Wände flächendeckend mit ihren Schätzen, gerade so wie bei ihren Ausstellungen in der engen Bauernstube.

Das könnte sich in Kürze ändern. Das Bewerbungsverfahren für den neuen künstlerischen Direktor läuft, nachdem die beiden letzten Kandidaten das Haus glücklos wieder verließen. Ihm würde man ein wenig von dem wünschen, was die Menschen vom Niederrhein am meisten auszeichnet: Beharrlichkeit.

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