Kultur : Beichten, nicht beten

Sarah Stricker erzählt von einem Kampf zwischen Mutter und Tochter.

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Das Leben, eine einzige Plackerei, ein mühsames Gewurschtel. Und dann passiert einmal doch etwas Großes, das man nicht versteht, etwas, das weit über das Empfindungsmittelmaß hinausgeht. Eigentlich kann man von so einer Gefühlsexaltation niemandem erzählen, besonders, wenn einem das Erzählen von den eigenen Befindlichkeiten zuwider ist. Aber schließlich muss es raus. Am Ende verwandelt sich das Sterbebett manchmal in einen Beichtstuhl, und wer aus seinem Herzen stets eine Mördergrube gemacht hat, sieht vielleicht im Angesicht der letzten Stunde den Moment gekommen, die Karten auf den Tisch zu legen. Was für ein Blatt!

In Sarah Strickers bemerkenswert keckem Debüt „Fünf Kopeken“ lauschen wir der Lebensbilanz einer Mutter in der Sprache ihrer Tochter. Kein unproblematisches Verhältnis: Selbst der schon ums Bett schleichende Tod – der Lungenkrebs wird ihr bald die Luft zum Atmen rauben – vermag die Bärbeißigkeit der Mutter nicht zu mildern oder gar in Demut umzukehren. Ihr Reden hat nichts Schmeichlerisches. Die Läuterung zur empathischen Mutter bleibt selbst beim Klingeln des Sterbeglöckleins aus. Und auch zur Scheherezade wird sie nicht; sie möchte das Ende mit ihrer Lebensgeschichte nicht bannen, ihrer als Journalistin arbeitenden Tochter aber doch gerne eine Lektion oder vielleicht sogar den Stoff für einen Roman mit auf den Weg geben. Gegen alle Vernunft die Selbstbeherrschung verlieren und also zu leben – darum geht es in dieser Beichte.

„Meine Mutter war sehr hässlich. Alles andere hätte mein Großvater ihr nie erlaubt“, hebt der Roman an, gleich mal deutlich darauf pochend, dass die Tochter sich nicht vereinnahmen lässt vom Geständniszwang der Mutter. Diesen Abstand, den sie mit sprachlicher Komik und Ironie auffüllt, wird 500 Seiten lang beibehalten, selbst wenn zuweilen doch Nähe spürbar wird zwischen den beiden.

Alles beginnt in einem pfälzischen Kaff, in dem die Mutter als Einzelkind aufwächst: behütet, umsorgt, gefordert von einem Großvater, der noch den Krieg erlebt und die Versprechungen des Wirtschaftswunders verinnerlicht hat. Er ist ein Macher, getrieben von Ehrgeiz und einem Leistungsethos, das jeglichen Verlockungen des Müßiggangs mit nur noch strengerer Disziplin begegnet. Seinem Kind gibt er einiges davon mit – innere Werte zählen, zuallererst Bildung und Fleiß. „Müdigkeit war in meiner Familie eine harte Währung. Wer nach zehn noch die Augen aufhalten konnte, hatte sich nicht genug verausgabt.“

So wächst das Mädchen auf, durchleidet die Schulzeit, verabscheut die pubertären Eskapaden ihrer Altersgenossen, weiß immer alles besser und wird schon früh eingespannt in die Unternehmungen des Vaters. Der führt das Traditions-Modehaus Schneider und hat die tollkühne Idee, nach der Wende den Osten mit seinen textilen Träumen zu erobern. Von der Pfalz geht es nach Berlin, Schneider will der ehemaligen Zone guten Geschmack beibringen.

Die Tochter beugt sich ihrem Schicksal, folgt dem Clan nach, schmeißt das Medizinstudium mit links, die Arbeit im Modehaus mit rechts und schleppt sogar irgendwann einen Verlobten namens Arno an, der bei den Großeltern größere Begeisterung weckt als bei der Mutter. Das Verhältnis ist eher aseptisch, wie alles, was die junge Frau so anfasst. Sinnlichkeit ist ein Fremdwort. Heiratspläne werden von ihr lustlos geduldet, die Großeltern schmieden sie, Arno ist Feuer und Flamme.

Dann geschieht das Wundersame: Die Mutter verfällt dem Nachbarn, einem ukrainischen Kellner, der raucht, vom Rauchen schon gelbe Zähne hat, sich einen Dreck um sie schert, in einer heruntergekommenen Wohnung haust und auch sonst so ziemlich ihr Gegenteil ist. Deshalb fängt sie an zu fantasieren, mit größter Einfallsgabe zu lügen und zu betrügen. Sie entdeckt plötzlich eine Liebe, die ganz körperlich ist und mit dem Verstand weder zu erklären noch zu rechtfertigen. Nun läuft alles aus dem Ruder. Die Tochter, am Krankenbett der befreienden Rede folgend, ist mit einer Frau konfrontiert, die sie bislang nicht kennengelernt hat. Es ist eine Geschichte der Leidenschaft, des Kontrollverlusts, des Schmerzes. Natürlich endet sie im Desaster. Oder vielleicht auch nicht: Die Mutter wird zum Menschen; sie wird sogar, als Sterbende, zu einer schönen Frau.

Die Bitterkeit freilich bleibt, die Galligkeit dieser Kranken, die sich auch in diesen letzten Momenten nur um sich selber schert und ihre Tochter unfreiwillig zur Mitwisserin macht. Wer am Ende die Oberhand behält, ist klar – die Tochter, die mit großer Raffinesse, noch größerem Eigensinn, in unterschiedlichen Rhythmen und vielleicht am Ende ein wenig zu weitschweifend aufschreibt, was die Mutter zu erzählen hatte.

Sarah Stricker: Fünf Kopeken. Roman. Eichborn, Köln 2013. 506 Seiten, 19,99 €.

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