Beilage im Tagesspiegel : Liszt, Luft und Sonne

Im Magazin „Sommerkultur“ schauen wir, was in Berlin, den neuen Ländern und in Polen kulturell Besonderes geboten wird. Als Leseprobe eine Typologie ländlicher Spielstätten. Mehr am Sonntag in der „Sommerkultur“-Beilage im Tagesspiegel.

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Die Insel Stein im Schlosspark Wörlitz mit der Villa Hamilton, die man besichtigen kann.
Die Insel Stein im Schlosspark Wörlitz mit der Villa Hamilton, die man besichtigen kann.Foto: Rolf Brockschmidt

Ludwig van Beethovens „Pastorale“ gibt das Motto vor: „Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande“ ist der Eröffnungssatz seiner sechsten Sinfonie überschrieben. Raus aus der Stadt soll es gehen, dorthin, wo die Luft sauber ist und der Blick weit. Hier draußen kann man die im Metropolenalltag abgestumpften Sinne neu sensibilisieren, die Hautoberfläche wird zum Sonnenkollektor, die Finger gleiten über schrundige Baumrinde und weiches, feuchtes Moos, die Nase schnuppert fast vergessenen Gerüchen nach.

Eine „Szene am Bach“, wie sie beim Wahlwiener Beethoven folgt, ist im Brandenburgischen wie auch in Mecklenburg normalerweise eine Szene am See. Dann aber zieht es den Komponisten wie den Tagestouristen doch wieder in die urbane Umgebung zurück, in idyllischem Maßstab natürlich, ins Dorf oder Ackerbürgerstädtchen, wo sich alsbald das Unterhaltungsbedürfnis einstellt. In der Partitur mündet das „Lustige Zusammensein der Landleute“ in traditionellen Tanz, heutzutage gipfeln die sommerlichen Landpartien eher in einem Konzert, das von Profimusikern dargeboten wird.

Dass der über die Saison mit internationalen Spitzenstars verwöhnte Hauptstädter hier draußen viel weniger nach berühmten Namen oder großen Besetzungen giert, dass er sich leichter auf Unbekanntes einlässt, neugieriger wirkt, ja mitunter sogar genügsamer als zuhause, liegt auch an der Aura der Orte, in denen sich die klingenden Darbietungen entfalten. Die städtische Spielzeit ist zu Ende, Philharmonie und Konzerthaus, die Opernbühnen und Kammermusiksäle scheinen auf einmal so weit weg: Der Vorhang zu und alle Ohren offen.

1. Die Dorfkirche
Vor allem in der kargen Mark ist sie fast immer das erste Haus am Platze. Und zudem das einzige Gebäude, das genug Besucher fasst, um ein Konzert für die Künstler auch finanziell zum Erfolg werden zu lassen. Kühl bleibt es hinter ihren dicken Mauern auch im Hochsommer – glücklich, wer etwas zum Überziehen dabei hat. Hart und eng ist es auf den Sitzbänken, und doch entsteht gerade dadurch auch eine besondere Nähe, ein scheinbar vertrauteres Miteinander der Zuhörer als in den bequemen Sesseln der Kulturtempel. Und während die Musiker sich in motivisch-thematische Arbeit verstricken, konzentriert die gedanklichen Weiten der Sonatensätze durchschreiten, wandert der Blick des Besuchers entspannt durch den hohen Kirchenraum, bleibt an überraschenden Details hängen, erfreut sich am überbordend-modischen Zierrat vergangener Epochen.

Der Hunger der Ausflügler wird hier, in der kulinarischen Diaspora, zumindest vorübergehend gestillt dankt der Kaffeetafeln, die einst von den Brandenburgischen Sommerkonzerten erdacht wurden und mittlerweile erfreulich viele Nachahmer gefunden haben. Vor der Kirche, unter knorrigen, uralten Bäumen, lässt es sich vor und nach dem Konzert lieblich lustwandeln. Wer sich – gerade in den Kleinstädten – weiter vorwagt, dem droht dagegen Desillusionierung. Vom repräsentativen Vierklang aus Kirche, Rathaus, Bahnhof und Postamt ist in Zeiten klammer kommunaler Kassen und nach diversen Privatisierungswellen staatlicher Monopolbetriebe oft nur mehr das Gotteshaus als gastlicher Ort übrig geblieben. Trostlos viele Bahnhöfe, die Schalter geschlossen, die Wartehalle verrammelt. Ein Fahrkartenautomat soll genügen, das Gleis betritt der Kunde über einen Einschlupf neben dem Empfangsgebäude, das Verfall und Vandalismus preisgegeben wurde.

Ähnlich düster sieht es im Fall der Postämter aus: Was waren das für Prachtbauten, Symbole des Fortschritts, mit hohen Giebeln im Stil der Gotik oder mehr in die Breite gedacht, mit sinnlich-barockisierenden Formen. Tempi passati: Heute ist der „Paketshop“ Untermieter in einem anderen Geschäft, während der unrentabel gewordene Kommunikationspalast nebenan aus zerborstenen Scheiben in eine trostlose Zukunft blickt. Ein Besuch auf dem Lande – und der Mensch zahlt wieder gerne Kirchensteuern. Auf dass er bei seinen Ausflügen herzlich empfangen werde, im intakten Haus des Herren, das oft sogar mit einer erstaunlich angenehmen Akustik aufwarten kann.

2. Das Schloss

In früheren Jahrhunderten hatten die Landadeligen zwei Möglichkeiten, um, fernab der urbanen Vergnügungszentren, ihre viele freie Zeit zu strukturieren: Die Jagd und die Schönen Künste. Beim jungen Kronprinz Friedrich stand letztere eindeutig in höherer Gunst, als er auf Schloss Rheinsberg seinem Regierungsantritt entgegenlebte. Und auch sein Bruder Heinrich, der anschließend fünf Jahrzehnte lang Rheinsberg bewohnte, pflegte vor allem die Musik intensiv. Das Schlosstheaterchen, das er sich bauen ließ, ist 1999 aus Ruinen wiedererstanden und wird seitdem von der in Rheinsberg ansässigen Musikakademie wie auch vom sommerlichen Kammeropern-Festival genutzt. Atmosphärisch noch reizender sind allerdings die Aufführungen im barocken Heckentheater oder im Ehrenhof der dreiflügeligen Anlage – wenn denn das Wetter mitspielt.

Den Rang des schönsten Schlosses im Land Brandenburg macht wohl keiner dem klassizistischen Kleinod von Neuhardenberg streitig (wo Bernd Kauffmann ganzjährig ein anspruchsvolles Programm für die Toskana-Fraktion bietet). Leicht überrenoviert dagegen wirkt derzeit noch Schloss Ribbeck (wo man gut speisen und im Rahmen der „Havelländischen Musikfestspiele“ auch Kammermusik erleben kann). Im Sächsischen, vor den Toren Dresdens, lockt das Schloss Moritzburg im August zum Kammermusikfestival. Die zumeist klein besetzten Stücke bilden dabei einen interessanten Kontrapunkt zur imposanter Größe des von August dem Starken in Auftrag gegebenen Barockbaus.

Als Namensgeber sowie als imposante Kulisse fungiert der ehemalige mecklenburgische Herrschersitz für die „Schlossfestspiele Schwerin“. In diesem Jahr wird die Bühne dabei nicht auf dem Platz zwischen Theater und Museum aufgebaut, sondern direkt im Garten des Zuckerbäckerpalastes mit Blick auf den Burgsee gespielt – schließlich steht Carl Maria von Webers naturnahes Musikdrama „Der Freischütz“ auf dem Spielplan.

Das wohl berühmteste Kulturschloss Mecklenburg-Vorpommerns ist allerdings Ulrichshusen. Dabei finden im Stammsitz derer zu Mahlzahn nur wenige Veranstaltungen statt, Kammerkonzerte und Lesungen, bevorzugt außerhalb der warmen Jahreszeit. Der trutzige Renaissance-Bau ist schlicht nicht groß genug für sinfonische Besetzungen. Dafür fasst die ehemalige Scheune des Landadelssitzes 1100 Personen.

3. Die Scheune

Dass sie nicht mehr gebraucht wird, ist unser Glück. Statt Heu und Stroh, Ernte und Vorräte finden nun Musikfreunde reichlich Platz unter der hohen Holzbalkendecke. Als Eingangstür taugt das alte Tor in der Backsteinmauer. Große Fenster braucht ein Konzertsaal sowieso nicht – aber viele Flächen, an denen sich der Schall brechen kann. Die traditionelle Konstruktion des Dachstuhls, die starken Stämme, auf denen er ruht, ja sogar der unebene Lehmboden dienen hier als Klangreflektoren, sehr zum Genuss der Ohren. In dieser Konzertscheune muss man an Kurt Tucholsky denken, der sich seine Berlin Traumwohnung so vorstellte: Vorn die Ostsee und hinten die Friedrichstraße. Ulrichshusen bietet akustisch Philharmonie-Qualität inmitten der ländlichen Idylle der mecklenburgischen Schweiz.

4. Die Ruine

Welchen romantischen Zauber Ruinen entfalten können, hat Caspar David Friedrich auf seinem Gemälde des Klosters Eldena bei Greifswald dargestellt: Mit sanfter Kraft hat sich die Natur in der aufgelassenen Zisterzienser-Abtei ausgebreitet, konkurrierend mit den zerborstenen Pfeilern des Kirchenschiffs recken sich schlanke Baumstämme gen Himmel. Fast so sieht es hier auch heute noch aus. Warum sich an diesem magischen Ort ausgerechnet ein sommerliches Jazz-Festival angesiedelt hat, gehört zu den Rätseln der jüngeren Musikgeschichte.

Ganz der Klassik gewidmet ist dagegen das Veranstaltungsprogramm im Kloster Chorin, nur eine Autostunde nördlich der Hauptstadt. Auch wenn sich dieses gotische Gebäudeensemble auch nicht ganz so romantisch-ruinös präsentiert wie Eldena – auch hier ist die Atmosphäre einmalig. Seit 48 Spielzeiten gibt es das sommerliche Musikfestival nun schon, bei dem die Besucher wählen können, ob sie lieber auf Stühlen im ehemaligen Kirchenschiff Platz nehmen wollen oder sich im Klosterhof auf dem Rasen auf ihre eigene Picknickdecke lagern, ohne Sicht auf die Musiker zwar, aber mit der Nase im Wind und den Kompositionen im Ohr.

5. Musik unter freiem Himmel

In Deutschland ist ja leider nur die Stimmung der Klaviere wohltemperiert. Wer das Risiko eingeht, in der so genannten warmen Jahreszeit Konzerte im Freien zu veranstalten, muss damit rechnen, dass ihm die Chose regelmäßig verhagelt wird. Dennoch setzten sich Publikum und Musiker jedes Jahr aufs Neue den Naturgewalten aus. Erwischt man allerdings eine der raren, richtig milden Abende, wird das Kulturereignis zum unvergesslichen Sommernachtstraum. Ein Muss für die Bewohner in Brandenburgs Südwesten ist das jährliche Freiluft-Event im Schlosspark von Stechau, veranstaltet von den Brandenburgischen Sommerkonzerten, das diesmal am 6. August stattfindet. Wie uneins sich die Organisatoren sind, wenn es darum geht, den temperaturmäßig sichersten Termin zu bestimmen, zeigt sich daran, dass das mecklenburgische Pendant zu Stechau – das Open Air auf Schloss Bothmer – auf den 25. Juni terminiert wurde. Mit dem kalendarischen Mittelweg versuchen es die Elblandfestspiele Wittenberge, die ihr Operetten-Musical- und Soundtrack-Feuerwerk am 15. und 16. Juli zünden. In Sachen-Anhalt schließlich, im Wörlitzer Gartenreich bei Dessau, wagt man sich gleich direkt aufs Wasser: Bei den Gondelkonzerten werden die Zuhörer auf Booten herumgeschippert, bevor sie sommerlichen Serenaden lauschen.

6. Das Industriedenkmal

Klare Formen, gewagte Konstruktionen, sichtbare Materialen – in Zeiten, als man Wohnhäuser zwar schon in Stahlskelettbauweise errichtete, sie dann aber mit Stuck, Putz oder Klinker in traditionelle Fassaden-Kostüme steckte, wagten die Architekten bei den Industriebauten schon, moderne Baumaterialen in ihrer kargen Schönheit zu zeigen. Das macht die Hallen heute so interessant: Weil hier ästhetische Entwicklungen ganz sinnlich erfahrbar werden.

In einem ehemaligen Hangar in der Uckermark veranstaltet Markus Groh seit vielen Jahren sein sommerliches Kammermusikfestival. In diesem Jahr stellt der Pianist seinen vor 200 Jahren geborenen Kollegen Franz Liszt in den Mittelpunkt des Programms – wie passend für den ungewöhnlichen Ort: war Liszt doch nicht nur ein Virtuose, sondern in reifen Jahren auch ein wagemutiger Ingenieur der Tonkunst, der nicht nur seinen Schwiegersohn Richard Wagner mit avantgardistischen Experimenten erschreckte.
In Peenemünde, am nordwestlichen Zipfel der Insel Usedom steht eine der beeindruckendsten Hallen, die auch als Konzertsaal genutzt wird. Hier wurde einst der Strom erzeugt für eines der wichtigsten Rüstungsprojekte der Nazis. Nach dem Krieg erklärte die sowjetische Armee das Areal zum Sperrgebiet, erst nach der Wende wurde ein öffentlicher Zugang wieder möglich. Seit 2002 nutzen die Usedomer Musikfestspiele die Halle. In diesem Jahr tritt hier wieder das Baltic Union Youth Orchestra auf, das Nachwuchskünstler aus den Anrainerstaaten der Ostsee zusammenbringt. Ein Völkerverständigungsprojekt, für dessen Konzerte sich kein symbolträchtigerer Ort denken lässt.

7. Trautes Heim, Glück allein

Und dann soll es ja tatsächlich unter den Klassikhörer auch jene geben, die es im Sommer gar nicht hinaus zieht in die freie Landschaft, die viel lieber auf dem heimischen Balkon sitzenbleiben, wenn die Sonne das Berliner Pflaster erwärmt. Sie werden ihre Gründe für diese Ausflugsmuffeligkeit haben. Vielleicht erleben sie die Konzertereignisse der internationalen Festivals ja einfach auch am liebsten im Radio, dank der Übertragungen und Aufzeichnungen, die abends in den Kulturwellen der öffentlich-rechtlichen Sender ausgestrahlt werden.

Und, zugegeben: Es hat ja durchaus auch seine Vorteile, wenn das schützende Wohnzimmer nur einen Schritt entfernt ist – für den Fall, dass sich Kunst und Leben mal wieder zur Einheit fügen. Dann hört man eben den vierten Satz von Beethovens „Pastorale“, das berühmte Pauken-und-Piccoloflöten-Gewitter, hinter der Fensterscheibe, mit Blick auf das nasse Naturschauspiel draußen – und denkt an all die armen Freiluftkonzertbesucher, denen jetzt gerade das Wasser ganz unromantisch über die Regenhaut rinnt.

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