Kultur : Beim Barte des Propheten

Keith Tyson erhält den Turner-Preis, und die Kunst bleibt auf der Strecke

Matthias Thibaut

Wie jedes Jahr standen bei der Turner Preisverleihung wieder die „Stuckists" vor der Londoner Tate Galerie und protestierten gegen „prätentiöse Pseudokunst". Wie immer schüttelten betagte Absolventen der Zeichenschule den Kopf und murmelten, „wenn das Joseph Mallard William Turner wüsste". Doch dann war es, nach aller Furore über den „conceptual bullshit" (Kunstminister Kim Howell), ein harmonischer Abend. Die Edlen und Schönen der Kunstszene scharten sich in ihren schwarzen Anzügen vom letzten Jahr ums Podium. Nick Serota, der asketische Kunstgeneral der Tate, schärfte allen mit todernster Miene noch einmal das Primat des Gedankens in der Kunst ein. Star-Architekt Daniel Libeskind erinnerte daran, dass es ohne die Kunstavantgarde keinen Fortschritt in der Welt gibt, und öffnete den Umschlag. Gewinner Keith Tyson, eine vertrauenerweckende Gestalt in Bart und langen Haaren, trat ans Mikrofon und wünschte seiner 87-jährigen Oma „Happy Birthday". Das hätte man in der Stadthalle von Wolfsburg nicht besser machen können. Dann gingen alle ein wenig schuldbewusst und betreten nach Hause.

Wieder einmal hatte man zu viel Wirbel um zu wenig Kunst gemacht und der Preis hat sich als Mogelpackung erwiesen. Nichts gegen Tyson, diese schrullige Kreuzung von Leonardo da Vinci und Daniel Düsentrieb. Er war der beste Kandidat. Wie er seine pseudowissenschaftlich-aberwitzigen Denkorgien in penibel aufgezeichnete Diagramme überführt, das hat ironisches Pathos und ist hübsch anzusehen. Was stört, ist der provinzielle Kunstkampf, den uns Londons Kunstestablishment von Jahr zu Jahr aufzwingt.

Die Kunst selbst wird dabei immer weniger wahrgenommen. Dabei ist sie pluralistischer, widersprüchlicher und demokratischer, als die kühle Kopflastigkeit der Turner-Kunst suggeriert. Nie war die Auswahl dem wahren Geschehen so fern wie in diesem Jahr. Talk of the town sind die Chapmann Brüder mit ihren MacDonald Skulpturen, die Selbstmythologisierung der immer noch nicht preisgekrönten Tracy Emin, Jeremy Dellers Massenkunstaktion, bei der eine Polizeischlacht aus dem Bergarbeiterkampf von 1984 nachgestellt wurde, oder Künstler wie Peter Doig oder Gary Hume, die Londons Galerien mit altmodischer Malerei füllen.

Der Turnerpreis ist ein Opfer seiner eigenen Orthodoxie geworden. Ein Neuanfang tut not. Man könnte ihn durch Internationalisierung aus dem Mief der Londoner Kunstclique herausholen oder ihn Demokratisieren. Besser noch - er soll einpacken, wenn im nächsten Jahr das Sponsoring durch den Fernsehsender Channel 4 ausläuft. Genug der unheiligen Allianz von Kunst und Publicity, die im Namen Turners geschlossen wurde. Soll die Kunst wieder für sich selber sprechen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben