Kultur : Beim Gesang der Fans wahrt der Bläser Bodenhaftung

Frederik Hanssen

Wie lernt man ein Blechblasinstrument? Ausdauer und Disziplin braucht zweifellos, wer den verschlungenen Langrohren die rechten Töne entlocken will - doch was die Musiker aus ihren Instrumenten schütteln, ist lediglich Kondenswasser, das sich innen am Metall niederschlägt. Zum Beispiel, wenn das Ensemble Weltblech seinen Rohren so mächtig einheizt wie bei ihrem Neujahrskonzert im voll besetzten Kammermusiksaal. Die zwölf Musiker, die sich 1996 bei einer Arbeitsphase des Jeunesses Musicales Weltorchester in Berlin kennenlernten, sind einfach spitze: Nach dem festlichen Choralklang von Purcells "Fairy Queen" stoßen sie mit der Bearbeitung von Edward Streichorchester-Showpiece op. 47 in Regionen höchster klanglicher Komplexität vor.: Vier Posaunen zaubern ein spinnwebfeines Akkordnetz, über dem sich die Trompeten mit der Eleganz von Violinen zur spätromantischen Emphase aufschwingen.

Im Mittelpunkt des rein britischen Abends aber stehen lebende Komponisten. So entwaffnend charmant anmoderiert wie vom schottischen Tubisten Mark Reynolds und mit spürbarer Begeisterung gespielt, macht zeitgenössische Musik auch eingefleischten Traditionalisten Spaß: Was für ein Swing, welche Power steckt in Mark-Anthony Turnages "Baccanale". Ob sich der Arsenal-London-Anhänger hier tatsächlich von Gesängen in Fußballstadien inspirieren ließ oder nicht - diese lebenspralle Musik beweist, dass die Befreiung vom tonalen Tonsystem nicht zu Höhenflügen in die dünne Luft der Abstraktion führen muss. Bodenhaftung bewahrt auch John Maxwell Geddes, wenn er für die erschröckliche Geschichte vom Highlander-Fürsten Alexander Steward virtuose Blechbläsereffekte erfindet. Derek Bourgeois schließlich ist der gutbürgerlichen Moderne zuzurechnen. Weltblech präsentiert seine auftrumpfende "William and Mary"-Suite im filmmusikreifen Cinemascope-Format. Diese zehn Männer und zwei Frauen (am Horn und an der Bassposaune!) können alles - sogar cool und jazzig klingen in den Shakespeare-Soundnetten von Duke Ellington.

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