Kultur : Beim Malen der Zwiebel Holländische Stillleben

im Berliner Kunstforum

Jens Hinrichsen

„Stillleben“ lautet programmatisch der Ausstellungstitel. Doch ganz so still geht es in den Gemälden des 17. und 18. Jahrhunderts gar nicht zu, die das Kunstforum der Berliner Volksbank aus dem Bestand der Schweriner Museen präsentiert: Fliegen krabbeln über Tischdecken, Schmetterlinge wittern Blumenduft, Rosen erblühen oder lassen ihre Blätter hängen. Zeit wird Bild. Alles vergeht.

Die Ausstellung führt die wichtigsten Subgenres dieser beinahe greif- und tastbaren Bildkunst vor: die Blumen-, Küchen- und Jagdstücke. Gemalt sind sie von bedeutenden Niederländern des Goldenen Zeitalters: Jan Davidsz. de Heem, Willem Kalf, Otto Marseus van Schrieck, Justus van Huysum oder dessen Sohn Jan. Dieser phänomenale Erneuerer des Blumenstilllebens wird „Phönix der Blumenmaler“ genannt. Sein dramatisch beleuchtetes Meisterwerk von 1720 überführt Rosen und Wiesenblumen in eine nahezu expressive Formensprache. Ein floraler Veitstanz! Van Huysum korrespondierte mit dem Herzog von Mecklenburg-Schwerin, dem das Staatliche Museum Schwerin einen Großteil seiner Sammlung verdankt. Sie gilt als umfangreichste Stilllebenkollektion Deutschlands.

Neben dem Konterfei des fürstlichen Mäzens und gemalten Ansichten seines Wasserschlosses prangt im Zentrum des Ausstellungsrunds ein „Feston mit Früchten und Blumen“ von Cornelis de Heem. Das Holztafelgemälde war zunächst nicht transportabel, kann nun aber doch gezeigt werden dank einer Restaurierung, die vier Monate in Anspruch nahm. Wert und Pflege der Stillleben übertreffen heute den Rang, den sie im Barock genossen haben. Die Maler schickten sie als Talentproben und Musterstücke an die Höfe, um sich für größere Aufträge – zum Beispiel Historienbilder – zu empfehlen.

Heute ist das kaum vorstellbar: Wenn die Niederländer Tulpen malten, waren die realen Blüten um ein Vielfaches kostspieliger. So scheint in den beinahe zerzausten Papageientulpen in Jan Davidsz. de Heems „Girlande aus Blumen und Früchten“ (um 1660) noch der „Tulpenwahn“ nachzuzittern, der 1637 im ersten Börsencrash der Weltgeschichte mündete. Auch Rembrandt spekulierte mit Tulpenzwiebeln – und verlor Haus und Hof. Hochkonjunktur kommt vor dem Fall. Immer wieder. Und „Vanitas“ – das ach so überlebte Wort – wird plötzlich brennend aktuell. Jens Hinrichsen

Kunstforum Berliner Volksbank, Budapester Straße 35, bis 17. Februar, Mo–So 10–18 Uhr, Katalog 19,45 Euro

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