Kultur : Beim Schlafen hat die Seele Ausgang

Kinderleben in Südkorea: Oh Jung-Hees soeben preisgekrönter Roman „Vögel“

Alice Grünfelder

LITERATUR

Ein Junge will fliegen wie ein Vogel, stürzt sich von allem hinab in ungewisse Tiefen. „Er glaubt, dass er eines Tages fliegen kann, wenn er das Runterspringen übt“, meint seine Schwester und deutet damit die ganze Hoffnungslosigkeit der beiden Kinder an, die die Helden dieses Romans der südkoreanischen Autorin Oh Jung-Hee sind.

„Vögel“ erzählt von einer Welt, die von gewaltigen Modernisierungsschäden heimgesucht wird. Da schlägt ein Vater die Frau im Rausch, bis diese eines Tages flieht und die Kinder zurücklässt. In den Worten der Tochter Uumi heißt es: „Wenn Männer kein Geld verdienen und arm werden, schlagen sie ihre Frauen und werfen die Kinder hinaus.“ Die Kinder werden zuerst zur Großmutter gebracht, dann zu Verwandten, bis eines Tages der Vater sie wieder zurückholt und mit einer ehemaligen Prostituierten eine neue Familie gründen will. Doch der Versuch scheitert; denn während der Vater auf Baustellen sein Geld verdienen muss, langweilt sich die Frau. Bald darauf verschwindet sie, der Vater kommt nicht mehr. Von nun an sind die Kinder alleine auf sich gestellt.

Fremd? Gar exotisch? Keineswegs, wenngleich diese Attribute gerade Literatur aus Asien anhaften. Phänomene wie die von Jung-Hee beschriebenen sind überall anzutreffen, wo Gesellschaften ihren Zusammenhalt verloren haben, für den Großfamilien zuständig waren und kein soziales Netzwerk Härtefälle auffängt – in der westlichen Hemisphäre ebenso wie in einer asiatischen Megapolis. Dadurch ist diesem Roman von Oh Jung-Hee, 1947 geboren und eine der herausragenden Autorinnen ihres Landes, eine Allgemeingültigkeit eigen, die überzeugt – auch sprachlich. Dafür hat sie nun den LiBeratur-Preis zugesprochen bekommen: eine Auszeichnung, die sie am 5. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse erhalten soll und die an Schrifstellerinnen aus Asien, Afrika und Lateinamerika verliehen wird.

Die Erzählungen von Oh Jung-Hee, bislang auf Französisch und Englisch, vereinzelt auch auf Deutsch erschienen, sind filigran gewebt und unaufdringlich. Die Frauen in den Geschichten leiden still vor sich hin, verkümmern, verzweifeln in Selbstaufgabe – kein Protest, kein Aufbegehren. In „Vögel“ nun wird die Welt konsequent aus Kinderperspektive beschrieben – oft wütend und provokativ, aber auch weise.

Schon in den ersten Zeilen des Romans, einem Dialog zwischen der Großmutter und der zwölfjährigen Uumi, ist alles angedeutet: „Du verdammte Göre du, weißt du das denn nicht: Beim Schlafen hat unsere Seele Ausgang, und wenn man das Gesicht eines Schlafenden bemalt, dann kann seine Seele den Weg zurück in seinen Körper nicht mehr finden und muss immer herumirren.“ – „War das bei Mama auch so? Ist sie weggegangen, um ihre verirrte Seele zu suchen?“ – „Die Welt, das ist ein Traum, ein Weg, auf dem Seelen ohne Körperheimat herumschweifen.“

Als Uumi eine Beratungsmutter zur Seite gestellt wird, die dem Kind im Alltag und bei der Erziehung ihres jüngeren Bruders helfen soll, entlarvt sie schon bald deren Heuchelei. Misstrauisch beäugt sie alle wohl gemeinten Ratschläge und Hilfsangebote. Mit zunehmender Verelendung der Kinder wird auch die Erwachsenenwelt immer feindseliger. Uumi möchte nur eines: ganz schnell erwachsen werden und fortgehen. In ihren vier feuchten Wänden löst sich die Tapete , und der schließt sich einer Jugendbande an, die ihn als Lockvogel bei Einbrüchen einsetzt. Die Folge ist Flucht aus der Realität – - die Jugendlichen schnüffeln Klebstoff. Schließlich flüchtet auch Uumi auf ihre Weise, immer den Schienen entlang, „die überall hin in die Welt führen“.

Oh Jung-Hee: Vögel. Aus dem Koreanischen von Edeltrud Kim und Kim Sun-Hi. Pendragon Verlag, Bielefeld 2003. 126 Seiten, 12,80 €.

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