Kultur : Beipackzettel für die Zukunft

Zum Tod des Autors Stanislaw Lem

Burkhard Schröder

Das, worüber ein Schriftsteller nicht schreiben kann, ist sein ureigenes Thema. Stanislaw Lem schrieb nur zwei Mal ernsthaft über Frauen. In „Solaris“, dem „Faust“ der Science-Fiction-Literatur, haben nur der schaurig verschlingende Ozean des Planeten und die untote Heldin, eine aus dem Unterbewusstsein des Kosmonauten schaumgeborene Aphrodite, weibliche Eigenschaften. Das Meer und die Frau, zwei unbekannte Welten, werfen den Helden, auf sich selbst zurück. Ein grandioser Plot, der sich mit den elementaren Fragen der Philosophie messen will und der eine zeitlose Antwort gibt, die Lem in den Olymp der Weltliteratur erhoben hat: Alles ist eitel.

Lem hat das Thema in einer Kurzgeschichte von 1974 variiert: In „Die Maske“ verwandelt sich der Ich-Erzähler von einer Frau, die bewusstlos erwacht, langsam in ein Insekt, das als androider Kampfroboter seinen Herrn vernichten will, ohne zu wissen, wer die Befehle dazu gegeben hat. Ein Ich, das sich nicht an sich selbst erinnern kann – wie die Heldin in „Solaris“: Das ist eine existenzialistische Aussage, die den Menschen zwingt, Moral und die Maximen seines Handelns nicht in allgemeinen Normen zu suchen, sondern nur in sich selbst – und die Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Lem ist derjenige, der bei allem, was die Zukunft bringen könnte, den Beipackzettel schreibt: Bedenke die Risiken und Nebenwirkungen.

Bei aller visionärer Kraft, trotz seiner technikkritischen Hypothesen, die heute noch die richtigen Fragen formulieren, trotz seines wissenschaftlichen Anspruchs, der Lem turmhoch über die meisten seiner Kollegen des Genres erhebt: Bei der Liebe hat Lem versagt. Die altväterliche Attitüde, was die Rolle der Frau im Weltraum angeht, spiegelt sich wider in seiner Wortwahl: Der Astronaut ist bei Lem Kosmonaut, der Raumanzug ein Skaphander, die Frau bleibt zu Hause, während die Herren ferne Welten entdecken.

Lem meinte es ernst: Er wollte über die Zukunft der Welt erzählen und gab sich nicht mit der anarchistischen Parodie der „Sterntagebücher“ zufrieden. Seine ironische Attitüde, die sich jeder totalitären Sicht der technischen und allzumenschlichen Dinge entzog, verhinderte eine angestrengte pädagogische Aussage. „Die vollkommene Leere“ prognostiziert die Wissenschaft der Zukunft, erfindet gleich das Rad neu, indem sie eine fiktive Meta-Literatur beschreibt – die in die Literaturgeschichte eingegangenen Besprechungen von Büchern, die in der Zukunft erschienen sind. Lem wäre nicht Lem gewesen, wenn er nicht noch einen Kobolz mehr schlagen und sich nicht zusätzlich – fiktiv – selbst verreißen würde.

Die Science-Fiction Literatur teilt sich mit dem Historischen Roman ein Dilemma. Jene kann die Zukunft genausowenig schildern wie diese die Vergangenheit. Kurt Tucholsky schrieb: „Jeder historische Roman vermittelt ein ausgezeichnetes Bild von der Epoche des Verfassers.“ Das gilt auch für das Genre Science-Fiction. Lem hat mehrfach zugegeben, dass ihm einige seiner Geschichten rätselhaft geblieben seien. Große Literatur ist immer doppelbödig. Daher kann sich Lem, obwohl er die vom ihm selbst gestellten elementaren Fragen nicht beantwortet, versöhnliche Gesten leisten. Der Kosmonaut Kris Kelvin kann in „Solaris“ das von ihm Verschiedene nicht verstehen – und fühlt sich vielleicht gerade deswegen von ihm angezogen. Der Planet ist seine unglückliche Liebe. Der im heute ukrainischen Lviv (Lemberg) geborene Autor starb gestern im Alter von 85 Jahren in Krakau.

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