Beisetzung auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof : Christa Wolf: So weit, so nah

Aus vielen Gesichtern an diesem Trauertag spricht auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof verwandtes Vertrauen: Die Menschen haben Christa Wolf darum so tief vertraut, weil sie sich selbst und „die Innenseite der Weltgeschichte“ kannte.

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Rosen für eine große Schriftstellerin. Christa Wolf wurde am 13.12. auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin beigesetzt.Alle Bilder anzeigen
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13.12.2011 18:11Rosen für eine große Schriftstellerin. Christa Wolf wurde am 13.12. auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin beigesetzt.

Ob die Toten sich begrüßen, sich ein Zeichen des Wiedererkennens geben? Wie alte Bekannte eben; viele hier sind es, selbst Fichte und Hegel gehören dazu. Wer wie Hegel schon 1831 gestorben ist, dem scheinen zwar viele seiner Nachbarn neu und fremd: Bertolt Brecht, Heiner Müller ... Wer sind die? Aber er selbst ist nicht fremd, denn die anderen haben über ihn nachgedacht. Ja, ohne ihn, den Denker der Anwesenheit der Vernunft in der Wirklichkeit und der Wirklichkeit in der Vernunft, wären sie nicht Bertolt Brecht oder Heiner Müller geworden. Und auch Christa Wolf nicht Christa Wolf.

Fast alle, die hier liegen, auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof zu Berlin, konnten zu Lebzeiten nicht schweigen. Warum sollten sie es jetzt können?

Aber noch sind die Toten ganz still. Noch gehört dieser Ort den Lebenden. Die Lebenden haben die lauteren Stimmen, schon darum glauben sie, sie hätten den Toten etwas voraus. Die ersten sind früh da. Vielleicht hatten auch sie von einer möglichen Sperrung der Chausseestraße gehört. Zwischen 6000 und 10.000 Menschen könnten da sein, hatte Christa Wolfs Verlag vermutet. Er hielt sich an ihre letzten Lesungen. In Leipzig waren über 2000 Menschen gekommen, sie zu hören. Mit ihrer weichen, dunklen Stimme hatte sie gelesen, brüchiger jetzt, aber noch immer fest. Eine Stimme, in die man sich fallen lassen konnte, und man fiel nicht.

Christa Wolf - eine große deutsche Schriftstellerin
Die ewige Zweiflerin. Noch am 4. November 1989 appellierte sie auf dem Alexanderplatz an die Menge: „Stell dir vor, es ist Sozialimus, und keiner geht weg.“Alle Bilder anzeigen
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01.12.2011 12:42Die ewige Zweiflerin. Noch am 4. November 1989 appellierte sie auf dem Alexanderplatz an die Menge: „Stell dir vor, es ist...

Auf der Chausseestraße deutet noch nichts auf Ausnahmezustand, der Verkehr geht ruhig, und selbst die Passanten, die immer wieder durch das Friedhofstor treten – es ist ein Schritt nur vom Reich der Lebenden zu dem der Toten – bilden nicht das, was man einen Strom nennt. Dieses Leise, die scheinbare Alltäglichkeit nicht aufschreckend, müsste ihr gefallen. Was sind Staatsbegräbnisse dagegen, gar mit militärischen Ehren?

Das ist ein Irrtum!, dachte nicht nur Christa Wolf, als Anna Seghers, ihre nahe Freundin und Mentorin, die viel Ältere, 1983 hier zu Grabe getragen wurde. Diese schmale, so zerbrechlich wirkende kleine Frau verschwand in der Selbstfeier der Lebenden.

In der Kapelle steht einer heller Holzsarg, bedeckt mit Rosen. Ob es ihr geht wie der Günderrode: „Als sähe ich mich im Sarg liegen und meine beiden Ichs starren sich ganz verwundert an.“ Dieses Wort der Dichterin hatte Christa Wolf ihrer wohl berühmtesten Erzählung „Kein Ort. Nirgends“ vorangestellt.

Zwei Ichs, die einander verwundert ansehen. In ihrem Fall ist das erste wohl das, was jene, die ihr nah waren, nur „Christa“ nennen. Mag sein, auch für sich war sie fast immer „Ich, Christa“, nicht Christa Wolf. Noch am Abend zuvor hatte ihre Freundin, die spanische Malerin Nuria Quevedo darüber nachgedacht, wie beide beständig wechselten. Nuria Quevedo hat die Bilder zu Christa Wolfs „Kassandra“ entworfen, als das Manuskript noch gar nicht fertig war. Ihre beiden Ichs verdrängten einander nicht, löschten sich nicht gegenseitig aus.

Der nicht zu kleine Platz vor der zu kleinen Kapelle füllt sich. Es fehlt nicht viel, und Heiner Müller hätte einmal mehr recht: Die Welt ist nicht böse, hat er gesagt, sie ist zu voll. Auf dem Grab des Blumenfeinds Müller liegen heute keine Zigarren, im Aschenbecher an seiner linken Ecke steht das Regenwasser. Heiner Müller und Christa Wolf, zwei Dezembertote.

„Nimm dein Verhängnis an/ lass alles unbereut.“ Es ist Corinna Harfouchs Stimme, die aus den Lautsprechern vor der Kapelle dringt. Drinnen sind Familie und nahe Freunde, darunter Günter Grass, Nuria Quevedo, Gregor Gysi, Friedrich Diekmann; draußen ist ein kleines Meer aus Regenschirmen. Volker Braun, der nahe Freund, der Mit-Schreibende, sagt, dass er nie ihren Anruf quer über den Ozean vergessen wird. Es war ein Ruf der Not: Ihr Körper entferne sich von ihr, genau wie die Zeit. Das war Anfang der 90er Jahre, als die Misstrauensanträge gegen alles, was sie war und wurde, durch alle Zeitungen gingen. Panik der Selbstauflösung. Die beruhigenden Worte des Freundes. Eine wie du kommt sich nicht so leicht abhanden.

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