Bejun Mehta im Schillertheater : Auf den Flügeln des Gesangs

Beglückende Kraft: Countertenor Bejun Mehta singt im Schillertheater Arien von Mozart,Gluck und Johann Christian Bach

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Bejun Mehta Foto: Josep Molina
Bejun MehtaFoto: Josep Molina

Die Epoche nach 1750, nach dem Tod Johann Sebastian Bachs, ist eine musikalische Scheitelzeit. Regeln, die lange galten, wandeln sich, neue Ausdrucksformen entstehen, aus dem Barock schält sich das heraus, was wir heute als „Klassik“ bezeichnen. Es ist die Zeit Mozarts – und Countertenor Bejun Mehta fühlt sich ganz in ihr zu Hause. Die Akademie für Alte Musik Berlin führt im Schillertheater mit Mozarts kurzer Sinfonie Es-Dur KV 184 ins Thema ein. Die historischen Instrumente lassen ahnen, wie es geklungen haben muss. Kein vermittelndes, verwischendes Vibrato, keine falsche Gefühligkeit, keine Romantik. Alles geht unmittelbar ans Ohr, blechern, knarzig, rustikal. Musik als harte Arbeit, als Bergbesteigung. Man fremdelt mit diesem Klangideal. Aber es ist  auch eine Desillusionierung, die davor schützt, die Epoche zu sehr zu verklären.

Als Bejun Mehta auf die Bühne kommt, halten Fülle und Opulenz Einzug. Der Amerikaner, er fliegt hoch und ist geerdet zugleich, ein Paradoxon. Dreht und wendet die Töne, verleiht ihnen in jeder Lage eine neue Färbung, von rotbraun-bronzen in der Tiefe bis fast weißlich in der Höhe. Eine biegsame Stimme, völlig intonationssicher und vor allem von beglückender Kraft. Bei Countertenören keine Selbstverständlichkeit. Mehta schmiegt sich, immer entwaffnend offen und grundsympathisch ins Publikum blickend, jedem Charakter an, singt einen ungehörigen Göttersohn in Mozarts „Ascanio in Alba“ und einen Bruder, den das schlechte Gewissen peinigt, in „Mitridate“. Und hat spürbar riesige Freude an dem, was er tut.

Noch eine Symphonie, op. 18/4, vom jüngsten Bach-Sohn Johann Christian Bach, ein Reformer auch er. Inzwischen hat man sich eingegroovt, mit dem spröden Klang des Orchesters fast Freundschaft geschlossen. Mehta singt zwei Arien von Gluck aus der Oper „Ezio“, die es ihm ermöglichen, das ganze Spektrum seiner Kunst herzuzeigen. Zuerst ist Ezio, der Feldherr, besänftigender Liebhaber, dann, in „Se il fulmine sospendi“, verängstigter Untertan, der seinem Kaiser die Treue versichert. Wilde Begleitfiguren im Orchester malen plastisch die Stürme seiner Seele. Mehta stürzt sich ins Tremolo, der Höhepunkt des Abends. Im Jubel vergisst er nicht, Konzertmeisterin Elfa Rún Kristinsdóttir zu danken. Noch eine Arie des Bach-Sohns, aus „Artaserse“. Mehtas Verzweiflungskoloraturen münden direkt in triumphalen Applaus.

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