Kultur : Bekenntnisse einer Standhaften

Die ehemalige Hamburger Kultursenatorin Christina Weiss gilt als Wunschkandidatin für das Amt des Kulturstaatsministers. Am Montag trifft sie in Berlin den Kanzler.

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Von Daniel Post

Vor knapp einem Jahr wurde Christina Weiss von ihren Hamburger Schutzbefohlenen mit einer Party verabschiedet, die an bühnenreifer Rührseligkeit kaum zu überbieten war. Schauspielhaus-Intendant Tom Stromberg, der von ihr geholte und immer wieder vehement verteidigte, hatte mit den Kollegen vom Thalia Theater und der Staatsoper „tout hambourg“ auf eine Probebühne geladen. Es gab Geschenke, Umarmungen, von Herzen kommende Dankesreden nach zehn Jahren Amtszeit und sogar das eine oder andere Ständchen, von der greisen Heidi Kabel genau so wie vom betriebsnudligen Staatsopern-Intendant Louwrens Langevoort.

Nicht wenige, die während der Amtszeit der promovierten Literaturwissenschaftlerin unter steigenden Sparzwängen gelitten hatten, verdrückten gut sichtbar das eine oder andere Tränchen. Es war eben doch nicht alles schlecht bei Christina, war damals und seitdem oft zu hören. Da wusste man wenigstens, was man hatte. Denn die ehemalige Leiterin des Hamburger Literaturhauses verfügt über einen wachen Geist und eine drängende Neugier, über eine fast schon anarchistische Lust aufs Unangepasste und unbestreitbares intellektuelles Format. Ihre literarischen Vorlieben tendieren zum Vergeistigten, Schwierigen, Sperrigen, und vor die Wahl zwischen Donaueschingen oder Bayreuth gestellt, müsste man am Grünen Hügel wohl auf ihre Anwesenheit verzichten.

Nach diesem denkwürdigen Abend dämmerte Freund wie Feind, was man an und mit ihr verloren hatte. Denn dann begann die Posten-Posse um die Nachfolge. Das Ende – die Berufung der ehemaligen „Bild“-Kulturbeauftragten Dana Horakova, nachdem Nike Wagner nicht wollte und Vicky Leandros lieber doch nicht durfte – sorgte bundesweit für Hohn über die Personalpolitik des neuen Senats unter CDU-Bürgermeister Ole von Beust.

Jetzt scheint die 49-Jährige still und zielstrebig ins Zentrum der Macht vorzurücken und von Hamburg in die Hauptstadt zu wechseln. Morgen, so wird mittlerweile offiziell bestätigt, gehen die Verhandlungen mit Bundeskanzler Schröder in die letzte Runde, danach könnte die Parteilose als erste Frau den Posten des Kulturstaatsministers übernehmen. Zumindest einen alten Bekannten würde sie im neuen Amt treffen: ihren ehemaligen Kultur-Staatsrat Knut Nevermann, der dort als Kulturstaatssekretär zur grauen Eminenz geworden ist.

Weiss hat immer unmissverständlich klar gemacht, dass Kultur für sie nicht bloß gesellschaftlich saturiertes Sahnehäubchen, sondern vor allem Fundament und Reibungsfläche bedeutet. Sie kennt den Elfenbeinturm der Akademiker aus eigener Erfahrung und hat stets den Mut gehabt, sich gegen kleingeistige Mauler und Stadtteilkultur-Orthodoxe für zeitgemäße und zeitgenössische Kunstformen einzusetzen. „Kultur ist das Nötigste und zwar sowohl für die Existenz des einzelnen als auch für unser aller Gemeinschaftsfähigkeit." Mit diesem Satz begann ihr Buch „Stadt ist Bühne – Kulturpolitk heute". Keine neue Erkenntnis – doch mehr als ein Lippenbekenntnis.

Bei der Vergabe von Posten bewies Weiss nicht immer eine glückliche Hand, dafür aber immerhin Stehvermögen. Als sich Thalia-Intendant Jürgen Flimm auf seine alten Tage in eine internationale Freelancer-Regiekarriere verabschiedete und auch Frank Baumbauer die Koffer packte, um nach München zu wechseln, durfte sich Hannovers Schauspiel-Chef Ulrich Khuon mehr oder weniger aussuchen, welches Haus er haben wollte. Er entschied sich fürs Thalia-Theater, und Tom Stromberg bekam das Schauspielhaus – und in den Monaten nach seiner Amtsübernahme jede Menge Prügel für einen arg schlingernden Spielplan, der das Haus dramatisch leerte und die Fronten zwischen konservativen Theaterbesuchern und der nachrückenden Generation verhärtete. Weiss duckte sich nicht weg, sondern gab demonstrativ Rückendeckung.

Nicht unproblematisch war auch die Berufung eines neuen Staatsopern-Teams. Die Philharmoniker, traditionell als bockig bekannt, wenn es um ihre Arbeitsbedingungen geht, wollten Mitte der 90er-Jahre Semyon Bychkov, weil er lukrative Plattenverträge versprach, und auch der damalige Intendant Peter Ruzicka favorisierte den Maestro. Weiss, ganz und gar Realpolitikerin, vergaß ihr Versprechen, nicht gegen die Meinung des Orchesters zu handeln, und holte Ingo Metzmacher, damals ein junges, vielversprechendes Talent aus der zweiten Reihe.

Weiss musste durchaus schmerzhafte Einschnitte in die städtische Kulturszene vornehmen. Andererseits brachte sie auch viele Projekte auf den Weg, von denen die Hamburger Kulturlandschaft langfristig profitierte: dass die Museumsmeile am Hauptbahnhof um die Galerie der Gegenwart verlängert wurde, ist ihrem Engagement für die zeitgenössische Kunst zu verdanken, sie hat sich für Hamburg als Film-Standort stark gemacht und auch das Thema Fotografie immer wieder mit Nachdruck auf die Agenda gebracht Eine umfassende Strukturreform in den Museen brachte mehr Unabhängigkeit von der Kulturbehörde, aber auch mehr Eigenverantwortung für die jeweilige Bilanz. Angesichts des notorisch klammen Haushalts führte Weiss eine „Deckelung“ genannte Festschreibung der Etats für die Staatstheater ein, die Planungssicherheit für mehrere Jahre gewährleisten sollte.

Das Hamburger Musikfest, bei dem es vorrangig um Neue Musik gehen sollte, wurde nach mehrjähriger Pause im Sommer 2000 mit und für Ingo Metzmacher wiederbelebt, um dann im letzten Herbst durch den Eklat um die Äußerungen Karlheinz Stockhausens zum 11. September knapp dem Aus zu entrinnen. Damals musste Weiss vor die Presse treten und mit bitterer Miene Abbitte leisten für etwas, was sie weder gesagt noch zu verantworten hatte. Es war wohl eine ihrer schwersten Momente im Amt.

Aus dem Licht der Öffentlichkeit, in dem sie während ihrer Rekord-Amtszeit fast täglich stand, hat sich Christina Weiss in den letzten Monaten diskret zurückgezogen – hier eine Laudatio, dort ein paar einleitende Worte für Themen oder Personen, die ihr am Herzen liegen, und hin und wieder ein Premierenbesuch, um mitreden zu können. Das war’s. Bis jetzt. Neu orientieren wollte sie sich, auf dem hart umkämpten Markt der Eitelkeiten in der Kulturbranche eine Position finden, die sich mit ihrem Selbstverständnis verträgt, hatte sie erklärt.

Es mag eine Laune des Schicksals sein, dass Christina Weiss erst vor wenigen Wochen wieder Profil bewies: Beim Hamburger Musikfest, ausgerechnet, hatte sie ein Literarisches Café in der Musikhalle eröffnet, einen Late-Night-Salon, in dem sie ausgewählte Texte zum Festival-Leitmotiv „Bekenntnis" vorstellte. Wenn alles gut ausgeht für sie, bekennt sie sich morgen selbst: zu einem Posten, für den sie ihre Leidensfähigkeit in zehn Jahren Hamburger Kulturpolitik gut trainiert hat. „Wer nicht begreift, dass die Kultur das ist, was Gemeinschaft ausmacht, der kann kein Staatswesen leiten", sagte sie am Tag ihres Amtsabschieds in Hamburg, „das Miteinander der Menschen wird definiert über die Kultur und nicht über die Politik." Gerhard Schröder wird es nicht leicht mit ihr haben.

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