Kultur : Belgrad kann sehr kalt sein

MARION AMMICHT

Zuhause ist Krieg.Darum haben sich die vier Paare auf den Weg gemacht.Um der Zwangsmobilisierung zu entgehen, hat Ki¿ca seinen unbeholfenen Bruder Mi¿ca, der sich zu Silvester alte Grabdekorationen aufschwatzen läßt, nach Prag verfrachtet.Sanja und Milos und Ka¿ca und Dule, der bei der ehelichen Pflicht versagt, weil er sich in der ersten Nacht in der Fremde "vor Angst beschissen" hat, feiern in Sidney.Die Pianistin Mara und der Schauspieler Jovan, den seine eigenen Landsleute von der Bühne jagten, weil er in einem kroatischen Stück gespielt hat, kiffen sich in Los Angeles durch die Silvesternacht.

Emigrantenschicksale.Von der Belgrader Theaterwissenschaftlerin Biljana Srbljanovi¿c 1995 vor dem Hintergrund des gerade mal überlebten Bosnien-Krieges als Abschlußarbeit mit dem Titel "Belgrader Trilogie" in theatrale Form gebracht.Keine der Figuren des Stücks, das zur Zeit im Berliner Stükke-Theater zu sehen ist, redet ausdrücklich davon: Doch der Krieg ist omnipräsent.In ihren Herzen haben ihn die Großstadtflüchtlinge mit ins Exil mitgebracht.Und die Sehnsucht nach dem Zuhause, die in ihren Gesprächen einen Namen hat: Ana, die gemeinsame Bekannte, die als einzige in Belgrad geblieben ist, reich geheiratet, einen tollen Job ergattert und dort vermeintlich ihr Glück gemacht hat.

Zwei Jahre ist es her, daß die dreiszenige, über den Ana-Epilog raffiniert verknüpfte Tragikomödie am Belgrader Yougoslav Drama Theatre uraufgeführt worden ist.Das Stück kommt gerade zur rechten Zeit, trifft in einem Klima nationalistischer Abschottung, vor dem während des Bosnien-Krieges über 300 000 vorwiegend junge Menschen ins Ausland geflohen sind, einen wunden Punkt.Die Vorstellungen sind ausverkauft.Dann fallen die ersten Nato-Bomben auf die Stadt.Die Theater werden geschlossen und Biljana Srbljanovi¿cs Stücke abgesetzt.

Zuvor ist das Yougoslav Drama Theatre mit Srbljanovi¿cs Trilogie noch bei der Bonner Biennale 1998 zu Gast.Für die mittlerweile 28jährige serbische Dramatikerin, die bis zur Bombardierung unter anderem als Autorin für Sitcoms und Werbetexterin ihr Geld verdient, ist das der erste große internationale Erfolg.Im gleichen Jahr werden ihre "Familiengeschichten.Belgrad" am Belgrader Theater Atalje 212 und kurze Zeit später am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg aufgeführt.Wieder eine Geschichte vom Krieg, der auch nach der Friedensvereinbarung längst nicht zu Ende ist, sondern im Spiel der Kinder, in dem sich die Welt der Erwachsenen in brutaler Übersteigerung widerspiegelt, auf grausame Weise fortgesetzt wird.Am Sonntag ist Anselm Webers Hamburger Inszenierung im Rahmen der "12.Werkstattage" in Potsdam zu sehen.

Trotz der Drastik, mit der Srbljanovi¿cs die zwischenmenschlichen Verstümmelungen des Krieges beschreibt, bestechen sowohl die Familiengeschichten als auch die Trilogie vor allem durch Phantasie, Tempo und Witz.Eigenschaften, die man bei Gabriele Jakobis Inszenierung im Berliner Stükke-Theater schmerzlich vermißt.Am Ende erst, in der dritten Szene bei Mara (Michael Hinnenthal) und Jovan (Fritz Eggert) in L.A., kommt Leben in das schleppende Geschehen, das sich da auf einer stilisierten Globusscheibe abspielt.Euphorisiert vom "California grass" singen die Beiden gegen die lärmende Folklore einer Emigrantengruppe aus der gemeinsamen Heimat an.Auch Daca (Marin Caktas), dem serbischen Hobby-Tschetnik, der, in Amerika geboren, die aufrecht verteidigte, "gemeinsame" Heimat nur aus dem Urlaub kennt, brüllen sie ihr "get back, get back to where you once belonged" ins Gesicht.Eine Szene, die Jovan mit dem Leben bezahlt und die auch in der Berliner Inszenierung ahnen läßt, daß der Krieg, der sich in den Herzen festgefressen hat, noch lange nicht zu Ende ist.

"Belgrader Trilogie" noch bis 18.Juli im Berliner Stükke-Theater, Mi bis So, 20.30 Uhr.Die Hamburger Inszenierung der "Familiengeschichten.Belgrad" gastiert am Sonntag in der Potsdamer Reithalle, 19 Uhr

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