Kultur : Belichtung und Wahrheit

Berlins erstes Photography Festival: ein Rundgang durch Galerien in der Linienstraße

Daniel Völzke

So wie auf diesem Wahlplakat haben wir Angela Merkel noch nie gesehen: mild lächelnd, mit mütterlichem Blick, jung und selbstbewusst. Werbung arbeitet lieber mit Bildern als mit Argumenten, das weiß man nicht erst seit dem letzten Wahlkampf. Fotos sprechen Gefühle direkt an, lassen sich manipulieren und doch liegt in ihnen das Versprechen, dass sie die Welt repräsentieren. Die Kunst ist seit langem der Ort, diese behauptete Authentizität zu überprüfen – und bleibt es im Zeitalter der digitalen Fotografie und Bildbearbeitung. „Wie ist Erkenntnis durch Fotografie möglich?“, lautet die zentrale Frage des ersten Berlin Photography Festival „After the Fact“. Bis zum 14. November sollen in Ausstellungen und Veranstaltungen das Medium Fotografie und seine dokumentarischen Fähigkeiten thematisiert werden. Neben Museen und größeren Institutionen zeigen über 30 Berliner Galerien fotografische Arbeiten. In vielen davon lässt sich die manchmal verzweifelte, manchmal ironische Distanz zum eigenen Tun, dem Fotografieren, ablesen.

Die in München und New York lebende Künstlerin Barbara Probst stellt nicht nur in der zentralen Schau des Festivals im Martin-Gropius-Bau aus, sondern auch in der Galerie Kuckei + Kuckei (Linienstraße 158, bis 8. Oktober). „Exposures“ nennt sie ihre großformatigen, mehrteiligen Fotografien (6000–9400 Euro), und dieses Wort lässt sich mit „Belichtung“ ebenso gut übersetzen wie mit „Enthüllung“. Die Bilderserien halten Situationen und Objekte aus mehreren Perspektiven fest. Das zweiteilige „Exposures #31“ etwa zeigt die Gesichter von zwei Menschen, die in unterschiedliche Richtungen schauen – jedes in eine andere Kamera. So tritt der Betrachter mit jeweils einer Person in Kontakt, während die andere aus dem Bild schaut. Das dreiteilige „Exposures #34“ zeigt Aufnahmen dreier Fotografen, die sich gegenseitig fotografieren. Jeder hat seinen eigenen Standpunkt, jeder interessiert sich für den Standpunkt des anderen – das könnte das Motto dieser multiperspektivischen Inszenierung sein. Aus Barbara Probsts Bildern spricht eine leichte Melancholie, denn sie enthüllen, dass wir in der Repräsentation der Welt nie einen archimedischen Punkt finden. Mehr noch zelebrieren sie aber eine Lust an der Täuschung, die sich nicht unbedingt raffinierter Mittel bedienen muss: Manchmal reichen auch billige Foto-Tapeten, um einen Moment – da von verschiedenen Seiten mit immer anderem Tapetenhintergrund fotografiert – („Exposures #33“) in vier Situationen aufspalten. Es ist am Betrachter ihn wieder zusammenzusetzen.

Die Leichtigkeit der „Exposures“-Serien gewinnt schnell an Gewicht, wenn die politische Relevanz von Fotografie ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Die monumentalen Panoramafotografien von Kriegsschauplätzen des Franzosen Luc Delahaye etwa machen die Dringlichkeit der Frage nach dem dokumentarischen Charakter der Fotografie deutlich. Neben den Arbeiten weiterer drei Kandidaten, die für den „Deutsche Börse Photography Prize 2005“ nominiert waren, kann man die Aufnahmen des Preisträgers bei C/O Berlin sehen (Linienstraße 144, bis 2. Oktober) . Seine Weitwinkelansichten einer Straße in Bagdad, eines Flüchtlingscamps in Palästina oder eines Begräbnisses in Ruanda erinnern in Komposition und Licht an Historiengemälde des 19. Jahrhunderts. Durch die Ästhetisierung des schrecklichen Augenblicks, kann der Betrachter zurücktreten und die dargestellte Situation als eine von Menschen gemachte begreifen. Es wird deutlich: Hinter der scheinbar blinden Gewalt ist Krieg eine Inszenierung der Macht – und der Kriegsfotograf, der sich als Berichterstatter wähnt, oft genug unfreiwilliger Vollender der Inszenierung.

Ähnlich wie die pittoresken Kriegslandschaften in Luc Delahayes Arbeiten kaum etwas über den Krieg aussagen, bleiben die Legionäre, Fleischer oder Sportler, die sein Landsmann Charles Fréger fotografiert, maskenhaft fremd. Frégers Einzelbilder (ab 2000 Euro) und mehrteilige Serien (ab 28000 Euro) kann man in der Galerie Kicken Berlin in einer gewagten aber gelungenen Doppelausstellung mit fotografischen Werken des Pioniers der Porträtfotografie August Sander sehen (Linienstraße 155, bis 12. November) . Tatsächlich sind die Parallelen zwischen den beiden schnell ausgemacht: Sie porträtieren Menschen als Vertreter von Gruppen und typologisieren sie dadurch. Doch im Gegensatz zu den Handwerkern, Bauern und Großstädtern Sanders wird das Individuelle an Frégers Menschen nicht so ohne weiteres durch Gruppenzugehörigkeit oder Beruf verdeckt. Sie blicken oft schüchtern und distanzieren sich von den Accessoires und der Kleidung, die für ihre Beschäftigung stehen. Anders als bei Sander verrät der Hintergrund nur wenig über den Porträtierten – weder welche Tätigkeit er ausübt, noch was für ein Typ er ist. „Meine Fotos zeigen nichts von dem Menschen, der hinter der Person steckt“, sagt Fréger. „Ich drücke durch meine Art zu fotografieren diesen Menschen in mein System – wie man einen Sound durch einen Filter schickt.“ Der Optimismus, mit dem noch Sander angetreten war, ist verschwunden. Zwar war auch er sich bewusst, dass seine Lichtbilder „betrügen“ können, doch seine Fotografien strahlen die Gewissheit aus, gültige Menschentypen zu zeigen. Mit dieser Zuversicht verliert die zeitgenössische Kunstfotografie auch ihre Beweislast. Doch gerade daraus kann heute ihr kritisches Potential erwachsen.

Das erste Berlin Photograhy Festival umfasst neben der zentralen Ausstellung After the Fact im Martin-Gropius-Bau, ein Symposium, Workshops und Vorträge. Es läuft bis zum bis 14. November (Programm unter www.berlin-photography-festival.de).

Parallel dazu zeigen über 30 Berliner Galerien Fotografieausstellungen, darunter:

„American Details“,

Fotografien von Dunja Marton, Galerie argus fotokunst , Marienstr. 26, bis 30. September

„Der Mensch und sein Tier“, Giedre Bartelt Galerie , Linienstr. 161, bis 29. Oktober

„Vierzehn bedeutende sowjetische Kriegsfotografen“ , Imago Fotokunst , Auguststr. 29c, bis 22.Oktober

„Fotoporträts von

Documenta- Künstlern aus den letzten 50 Jahren“, Erhard Wehrmann, Kunststiftung Poll , Gipsstraße 3, bis 29. Oktober

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