Kultur : Belle époque

Die schönsten Franzosen kommen aus Berlin: Ein Ravel-Abend mit Simon Rattle und den Philharmonikern

Frederik Hanssen

Am Beginn steht eine kleine Nachtmusik: Die Berliner Philharmoniker spielen „Ma mère l’Oye“, Maurice Ravels feingeistige Vertonung französischer Märchenklassiker, einfach traumhaft. Diese subtilen Soli, diese Eleganz des Zusammenspiels, diese perfekten Proportionen! Simon Rattle dirigiert wie mit Glacéhandschuhen, modelliert die Partitur nach allen Regeln der „clarté“, folgt meisterhaft der Maxime französischer Musikästhetik, nach der die Wahrheit in der Klarheit liegt – nicht im dunkel-deutschen Dräuen Wagnerscher Orchesterwogen. Nur die Aufklärung des Tonsatzes befreit den Geist, macht sehend, verstehend. Mag es sich auch um Parabeln aus magischer Zeit handeln, um die exotischen Chinoiserien der „impératrice des Pagodes“, um ziselierten Vogelsang oder einen kleinen Däumling, zerbrechlich- zart wie Sèvres-Porzellan.

Längst hat sich Simon Rattles francophilie auf seine Berliner Philharmoniker übertragen. Stilsicherer, subtiler spielt derzeit wohl kein Orchester „Ma mère l’Oye“, ein Rausch der Pastell- und Goldtöne, geradezu einlullend im duftigen Schweben der Klanggespinste. Träum’ was Süßes!

Kein Wunder bei so viel vollendeter Künstlichkeit, dass die nachfolgende Komponistengeneration die Fenster im Elfenbeinturm aufreißen wollte, um Alltagsgeräusche hereinzulassen: Straßenlärm, Zirkusmusik, Jazz. Die Groupe de Six um Jean Cocteau zertrümmerte die klingenden Luftschlösser von Debussy und Co. – aber Maurice Ravel hörte sehr aufmerksam zu, amalgamierte den Sound der neuen Zeit weltmännisch lässig mit seinem ganz persönlichen Stil.

Von der 1908 begonnen „Mutter Gans“ bis zum 1925 uraufgeführten Einakter „L’enfant et les sortilèges“ hat der Komponist eine stupende Entwicklung durchlaufen, das macht Simon Rattle im zweiten Konzertteil auf faszinierende Weise hörbar: Colettes vordergründig so naive, im Kern aber albtraumhafte Geschichte vom bösen Kind, das sich plötzlich einer Rebellion seiner Spielzeuge gegenüber sieht, vertont Ravel ohne Rücksicht auf Opernkonventionen, als schlagfertiger Wortspieler und mutiger Tonmaler, mitunter geradezu expressionistisch.

Sicher, wer das Stück nicht gut kennt, kann trotz Übertitelanlage dieser konzertanten Aufführung kaum folgen, bei der die neutral gewandeten Solisten bis zu vier verschiedene Rollen verkörpern, von der Katze bis zur Teetasse. Aber wo findet man ein derart exquisites Sängerensemble, mit Magdalena Kozena an der Spitze und Weltstars wie José van Dam, Sophie Koch oder Annick Massis, dazu Mojca Erdmann, François Le Roux, Nathalie Stutzmann und Jean-Paul Fouchécourt? C’est magnifique. Was die französische Musik betrifft, erleben die Berliner Philharmoniker mit Simon Rattle wahrlich eine Belle Epoque. Frederik Hanssen

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