Kultur : Ben Hur zeichnet mit geschlossenen Augen

IGAL AVIDAN

Bis vor wenigen Jahren hatte sich der Maler Daniel Ben Hur in seinen Werken mit Themen wie Atomwaffen und Golfkrieg auseinandergesetzt.Er zeichnete große, vielfarbige Malereien, teils mit Skulpturen verbunden.Nun fertigt er minimalistische und abstrakte Zeichnungen auf kleinen Blättern, mit Bleistift, Graphit und Pastell an."Ich wollte sozusagen die Piccoloflöte spielen, ein Instrument, das ich immer bei mir tragen kann," sagt der 40jährige Jerusalemer, der seit zehn Jahren in Berlin lebt.

Die ersten Zeichnungen entstanden in der U-Bahn und nahmen genau eine Minute in Anspruch, ohne Nachbesserung.Diese zeitliche Begrenzung kombinierte Ben Hur zunehmend mit dem Zeichnen mit der linken Hand.Damals begann er zusätzlich, sich beim Malen die Augen mit einer Schlafbrille zu verbinden.Dadurch konnte er seine Aufmerksamkeit auch auf das Hörbare lenken: Straßenlärm, Zeichengeräusche.Bei einer Aktion in Dessau vergangenes Jahr zeichnete er zweieinhalb Stunden lang über dem Kopf an der Decke.Unter solchen Umständen machte Ben Hur seinen Weg "von der Form in die Freiheit", den er mit Buchstaben bepflasterte, hebräischen und lateinischen, die er manchmal hundertfach wiederholt.So streift er kulturelle Einflüsse seiner langjährigen Ausbildung in Israel und in Berlin (Diplom- und Meisterschüler der HdK) ab und bringt eine Art Meditation auf das Papier: "Sehen ist kontrollieren." Abstrakte Gegenstände sollten ihm helfen, authentisch zu zeichnen.

Das Ergebnis kann man in diesen Tagen in zwei parallelen Berliner Ausstellungen besichtigen, im Centrum Judaicum und in der Museumsakademie.Im runden Kuppelraum der Neuen Synagoge hängen seine Zeichnungen des hebräischen Alphabets.Wie die Zeichnungen, so wurde auch der Name der Ausstellung, "Materie beleben", dem Zufall überlassen.Ben Hur schlug einfach ein Buch von John Cage auf und wählte die ersten Worte aus, die er entdeckte.

Der religiöse Ort der Ausstellung ist der restaurierte Repräsentantensaal der ehemaligen Synagoge im Centrum Judaicum.Der Ort der "labora" ist die Werkstatt, in der sich während des Zweiten Weltkrieges eine Fabrik befand, wo Juden versteckt waren.In diesen Räumen stellt er Serien von Alphabetzeichnungen aus, mal mit Pigment, mal mit Kreide oder Pastell, mit hebräischen oder lateinischen Buchstaben, manchmal auch alles zusammen.

Diese Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde stellt auch eine Kehrtwende in Ben Hurs Verhältnis zum Judentum dar.In einer religiösen Familie aufgewachsen, kehrte er der Religion als Vierzehnjähriger den Rücken.Nach jahrelanger Rebellion sucht er nun den Weg zurück.Zum ersten mal seit zehn Jahren besuchte er eine Synagoge."Vorher hatte ich einfach Scheu, hineinzugehen".Durch sein neues Interesse für das Judentum entdeckte Ben Hur, daß schon der jüdische Kabbalist Abulafia im 13.Jahrhundert das Zeichnen der hebräischen Buchstaben benutzte, um zu meditieren.

Am 26.Juni wird er versuchen, einen ganzen Raum zu bemalen, inklusive des Bodens.Welche Buchstaben und wie lange er zeichnen wird, will er erst in letzter Minute entscheiden.Die innere Stimme braucht eben Spontanität - und eine Schlafbrille.

Centrum Judaicum, Oranienburgerstr.29, bis 20.Mai, Sonnabend bis Donnerstag 10-17 Uhr, Freitag 10-13 Uhr.Museumsakademie, Rosenthalerstr.39, bis 26.Juni, Dienstag bis Sonnabend

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