Benjamin Britten an Staatsoper und Deutscher Oper : Gewalt und Wahnsinn

Benjamin Britten, gleich zwei Mal in Berlin: Die Staatsoper triumphiert mit dem Horrorstück „The Turn of the Screw“ in der Regie von Claus Guth. Auch die Deutsche Oper feiert mit der „Schändung der Lucretia“ einen Erfolg.

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Thomas Lichtenecker als Miles, Sónja Grané als Flora in der Inszenierung der Staatsoper.
Süße Schrauben: Thomas Lichtenecker als Miles, Sónja Grané als Flora in der Inszenierung der Staatsoper.Foto: Staatsoper/Monika Rittershaus

Das ist zu viel für ein Mädchen vom Land. Zuerst die Begegnung in London mit diesem smarten, gut aussehenden Herrn, in den sie sich unwillkürlich verliebt, der aber sofort wieder in unerreichbare Ferne rückt, weil sein Auftrag an die Gouvernante lautet, sich um seine beiden verwaisten Verwandten zu kümmern, ihn mit Erziehungsfragen aber nicht zu behelligen. Dann dieses einsam gelegene Herrenhaus, hohe Räume, eine einschüchternde Kulisse, in der sich Flora und Miles, ihre Schutzbefohlenen, ganz ungezwungen bewegen, mit der Anmut von Adelssprösslingen, vor allem aber mit einem freien, sehr sinnlichen Verhältnis zu ihren Körpern, das den Erfahrungen der Governess aus der elterlichen Dorfpfarrei diametral entgehensteht. Und als sei das alles nicht schon verwirrend genug, hört sie auch noch Stimmen, meint Menschen zu sehen, deren Einfluss auf die Kinder schädlich gewesen sei, wie die alte Haushälterin raunt, die aber längst tot sind.

Ein Hauch Hitchcock weht durch die Staatsoper im Schiller Theater. Regisseur Claus Guth und sein Bühnenbildner Christian Schmidt interessieren sich bei ihrer Neuinszenierung von Benjamin Brittens „The Turn of the Screw“ vor allem für die namenlose Governess, zeichnen das Psychogramm einer ebenso empfindsamen wie verantwortungsbewussten Frau, die in einen Sinnstrudel hineingerissen wird, wie sie es nennen. „Die Drehung der Schraube“ wäre die korrekte Wort-für-Wort-Übersetzung des Originaltitels, doch Mehrdeutigkeit ist dieser vor 60 Jahren in Venedig uraufgeführten Oper nach Henry James genuin eingeschrieben. Britten und seine Librettistin Myfanwy Piper bieten keine Interpretation an, fordern die Stückdeuter vielmehr zu eigenen Versionen heraus.

Das Kindermädchen wird von erotischen Fantasien gepeinigt

Der zunächst gebräuchliche deutsche Titel „Die sündigen Engel“ zielte in Richtung einer christlich-dualistischen Deutung, bei der den Geistererscheinungen die teuflische Rolle zufällt. Guth und Schmidt lassen offen, ob Flora und Miles die Stimmen überhaupt hören oder ob nicht allein das emotional zerrüttete, von erotischen Fantasien gepeinigte Kindermädchen sie halluziniert. Dass sie den Prolog und die zwei Akte dabei in 110 pausenlosen Minuten durchspielen lassen, gibt der Aufführung auch für die Zuschauer etwas Bedrängendes, Zwanghaftes. Dabei wäre es kein Schaden, gerade bei einem so intensiven Musiktheatererlebnis den Besuchern eine Erholungsphase zuzugestehen, ein wenig Raum, um die eigenen Empfindungen und Gedanken ordnen zu können.

Benjamin Britten hat „The Turn of the Screw“ für die English Opera Group geschrieben, eine kleine, von missionarischem Eifer beflügelte Truppe, die mit Zeitgenössischem durch die Lande reiste. Nur 13 Instrumentalisten braucht der Komponist – doch was für einen reichen, vielfarbigen, ja sinfonischen Klang vermag er mit Streich- und Holzbläserquintett, Harfe, Klavier und Schlagwerk zu entfalten! Hochkonzentriert verlebendigt Ivor Bolton mit der Staatskapelle diese faszinierende Partitur, die atmosphärisch ist, ohne je filmmusikhaft werden zu müssen, die naturnah wirkt, ohne zur Lautmalerei Zuflucht zu nehmen.

Besetzungscoup ist Countertenor Thomas Lichtenecker

Der dunkel grundierte, traditionssatte Sound der Staatskapelle verleiht den Tönen dabei nicht nur die Aura des Edlen, passend zur noblen, herben Schönheit der Bühnenbilder, sondern zeigt auch deutlich, wo Brittens Klangsprache wurzelt, nämlich im späten 19. Jahrhundert. Warum ein Orchester mit 136 Planstellen am Premierenabend allerdings gleich zwei Aushilfen für die Mini-Besetzung braucht, bleibt schleierhaft.

Hohe, helle Stimmen will Benjamin Britten für das düstere Drama. Richard Crofts Tenor (Peter Quint) und der Sopran von Hausdiva Anna Samuil (Miss Jessel) kommen im Schiller Theater ausschließlich aus dem Off. Auf offener Szene windet sich Emma Bells Gouverness im Kampf mit den Geistern und sich selber, sekundiert von einer Haushälterin, deren Rolle entgegen der üblichen Praxis nicht einem verdienten Ensemblemitglied anvertraut wurde, sondern der frisch und jung klingenden Marie McLaughlin.

Der eigentliche Besetzungscoup der Produktion aber ist Thomas Lichtenecker. Weil der Regisseur in der Finalszene der Schraube eine unerwartete, radikale Drehung gibt, wollte Claus Guth keinen Knabensopran für die Rolle des Miles. Sondern einen Erwachsenen – der jedoch kindlich zurechtgemacht ist, androgyn wirkt mit den langen Haaren und den zarten Zügen, seiner Schwester zwillingshaft ähnlich. Sehr beherrscht bewegt sich Lichtenecker über die Bühne, so wie sich hier überhaupt alle Figuren jeglicher Hysterie enthalten, den Zumutungen des Lebens mit Unterstatement der englischen Upperclass begegnen. Miles’ Worte aber haben denselben Klang wie die von Flora. So glockig und klar wie Sónia Grané tönt auch der Countertenor.

Akustisch wird da auf betörende Weise eine Unschuld behauptet, die den pubertierenden Körpern längst abhandengekommen ist, in krassem Gegensatz steht zum ihrem Spiel. Ein Wahnsinnseffekt. Frederik Hanssen

Wieder am 19., 22., 27. und 30. November sowie 5. Dezember.

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