Kultur : Berge machen religiös, schon in Bayern.

KERSTIN DECKER

Tibet stößt fast an den Himmel an.Erklärt das den seltsamen Reiz von Martin Scorseses "Kundun"? Das ewige GuteVON KERSTIN DECKERDas Kind, zwei Jahre alt, greift nach der Glocke, dem Stock und der Brille auf dem Tisch.Es sagt, was jeder sagt, wenn er die ersten Worte sprechen kann: Meins! Die umstehenden Mönche, die gerade einen neuen Dalai Lama suchen, sind tief bewegt.Dieser Wille zur Macht, dieser alles ausschließende Besitzanspruch des kleinen Bauernjungen - deutet das nicht auf Höheres? Schon beginnt, wovon beinahe der ganze Film handelt - das Protokoll einer falschen Erziehung.Martin Scorsese hat am Beispiel des heranwachsenden 14.Dalai Lama von Tibet einen Lehrfilm über die häufigsten Erziehungsfehler gedreht.So ist es etwa pädagogisch falsch, kleine Tyrannen mit "Eure Heiligkeit!" anzusprechen.Auch sollte man sich nicht, wie weit verbreitet, vor jeder Laune seines Kindes in Demut verneigen und den Raum in gebückter Haltung, den Rücken zur Tür, verlassen.- Aber so geht das nicht.Wir müssen noch mal von vorn anfangen.Vielleicht liegt der Fehler auch bei uns, denn ist aus dem Dalai Lama nicht trotzdem ein großer Mann geworden? Genau das ist Scorseses Problem.Kein Mensch kann etwas dafür, wenn er gut ist, aber die Bösen sind besser.Fürs Kino.Die Bösen haben immer zwei oder noch mehr Seiten, Gute und Heilige nur eine.Deshalb hat "Kundun" auch nur eine Seite.Alles in diesem Film ist sehr groß, sehr erhaben - die Menschen, die Paläste, die Hüte, die Berge.Gut, das mit den Bergen ist gemein.Aber wer bei der Berlinale "Xiu Xiu", das Regie-Debüt der chinesischen Schauspielerin Joan Chen gesehen hat, der weiß, wie wunderbar nahe selbst diese Gipfel kommen können, daß man fast mit der Hand darüber hinwegstreichen kann."Kundun" jedoch ist ein symbolischer Film, eine fotographierte Hagiographie.Heiligenlegenden sind, was sie sind.Sie stehen jenseits der Kritik.Dachte Scorsese und wollte seinen Berlinale-Beitrag vorher keinem zeigen.Worauf die Berlinale sagte, daß das nicht ginge.Alle Wettbewerbsfilme würden vorher gesichtet.Alle! Worauf Scorsese sagte: Dann eben nicht.Worauf die Berlinale sagte: Schade!Nichts läßt sich heute schwerer erzählen als eine Heiligenlegende.Denn Heilige spüren selbst im freien Fall immer festen, jedenfalls höheren Boden unter den Füßen, die anderen meist einen doppelten oder eher gar keinen.Das spricht nicht gegen den Dalai Lama, nur ein bißchen gegen Scorsese.Er war doch irgendwie besser, als er noch doppelte oder gar keine Böden ("Taxi Driver", zuletzt "Casino") verfilmt hat.Doch was erklärt die seltsame Faszination, die von "Kundun" dennoch ausgeht? Woher das Mitgefühl für eine uralte, überlebte, jahrhundertelang isolierte Ordnung? Versuchen wir es noch einmal.Tibet, das Dach der Welt.Wer auf dem Dach wohnt, sollte sich auch entsprechend verhalten.Atheismus ist mehr was fürs Erdgeschoß, fürs Flachland, für Berlin zum Beispiel.Berge machen religiös, schon in Bayern, und Tibet stößt beinahe am Himmel an.Da kommt es auf gute Nachbarschaft an mit denen, die noch höher wohnen.Traditionale Gesellschaften sind unendlich stabile, unendlich empfindliche Ordnungssysteme.Immer wieder zeigt Scorsese einen tibetischen Zauberkreis, ein Mandala.Seine filigranen Strukturen sind in sich unendlich.Moderne Leute erfinden vielleicht schwarze Quadrate, aber niemals solche Mandalas.Sie reichen von Ewigkeit zu Ewigkeit und - sind aus Sand.Ein Handstreich genügt, solche ewigen Ordnungen wegzuwischen.Es ist dieser Widerspruch zwischen Absolutheit und Vergänglichkeit, der fasziniert.Im Herbst kam "Sieben Jahre in Tibet" von Jean-Jacques Annaud in die Kinos.Auch er erzählte die Geschichte des jungen Dalai Lama, gesehen mit den Augen des österreichischen Bergsteigers Heinrich Harrer.Auch dort haben die roten Mönche ein Mandala gelegt, als Zeichen der Versöhnung, zum Empfang der chinesischen Generäle.Ein Militärstiefel zertrat das Zeichen.Es störte seinen Weg.Annauds Gestus war der des "naiven" Erzählens.Scorsese stellt uns mitten hinein ins Mandala.Schon erkennen wir Abertausende Sandkörner, aus denen das Ewigkeitsmuster ist, und der Finger, der es fortwischt, meint auch uns.Das Maß ihrer Abstraktheit ist die Barbarei aller Revolutionen: Sie nehmen nicht einmal wahr, was sie zerstören.Eine Million Tibeter starben, seit die Chinesen kamen.Sechstausend Klöster wurden geschleift.Scorsese findet dafür immer wieder gleichnishafte Bilder: ein Meer von roten Gewändern.Sind das Betende oder Tote? Es sind Tote.In ihrer Mitte, allein, steht der Dalai Lama.Der tibetische Buddhismus gilt als der geheimnisvollste.Scorsese und sein Komponist Philip Glass haben sich diese Aura für ihren Film geborgt, sie gar in Ansätzen selbst geschaffen.Lhasa erstand mitten in Marokko.Und doch gibt es in Scorseses Tibet nur Tibeter.Tenzin Thuthob Tsarong spielt den gerade 18jährigen Dalai Lama mit Tiefe und Leichtigkeit zugleich.Doch da ist noch ein anderes, kleineres, größeres, eindringlicheres Tibet im Kino.Jedes Jahr ziehen die "Salzmänner von Tibet" (Dokumentarfilm von Ulrike Koch) zu den großen Salzseen.Ritus ist Arbeit, Arbeit ist Ritus, noch ungetrennt.Man spricht die "Salzsprache" unterwegs.Jedes andere Wort wäre Schmerz im Ohr der Göttin.Seit ein paar Jahren kommen auch chinesische Lastwagen hier hinauf.Sie kennen die Salzsprache nicht.Sie haben trotzdem mehr Salz.Durch "Kundun" gehen wir am Ende wie einst Hegel durch die Berner Oberalpen: "Der Anblick dieser ewig toten Massen gab mir nichts als die einförmige und in die Länge langweilige Vorstellung: Es ist so." Colosseum, CS Hellersdorf, Europa, Filmpalast, Kant, Kosmos, Rollberg, Scala; Kurbel (OV)

0 Kommentare

Neuester Kommentar