Kultur : "Bericht für eine Akademie": Allein unter Affen

Christoph Funke

Hochberühmt, aber unter der Last der Interpretationen fast schon zusammengebrochen ist Franz Kafkas Erzählung "Ein Bericht für eine Akademie". Bringt George Tabori diesen Monolog über die Menschwerdung des Affen Rotpeter auf die Bühne, dann will er auch zeitgenössische Erfahrungen im klassischen Text aufglühen lassen. Fünf Jahre hat Rotpeter gebraucht, um sein tierisches Vorleben zu überwinden? Nein, bei Tabori sind es zehn. Denn was war vor zehn Jahren?

Man darf kichern. Und unser Herr mit der äffischen Vergangenheit gibt den Bericht an eine Akademie? Aber da sind doch die Zuschauer im Berliner Ensemble viel bessere Adressaten, denn gerade in diesem Theater hat Rotpeter, wie er in Taboris Version beteuert, den Ort seiner Lebenssehnsucht gefunden - nicht etwa im namenlosen Varieté wie bei Franz Kafka. Genug der Anspielung, wenn der Berichtende am Schiffbauerdamm uns sagt: "Ihr Affentum, sofern Sie etwas Derartiges hinter sich haben, kann Ihnen nicht ferner sein als mir das meine."

Kafkas Erzählung jedenfalls, 1917 in der Zeitschrift "Der Jude" zum ersten Mal erschienen und in die Sammlung "Der Landarzt" eingegliedert, ist mit Ironie durchtränkt; sie offenbart sich als überlegenes Spiel mit Psychoanalyse und Darwinismus, mit der Rolle des Künstlers und dem autonomen Anspruch subjektiver Wahrheiten. Zugleich ist es eine Geschichte menschlicher Überheblichkeit, die "Affentum" als einen barbarischen, nicht als einen natürlichen Zustand begreift. Die ersten vier Lektionen, die Gefangene von der Goldküste schon auf dem Schiff nach Europa lernen müssen, sind Händeschütteln, Spucken, Rauchen, Schnaps trinken.

Wenn es fünf Dresseure dann schaffen, dem Affen europäische Durchschnittsbildung zu verpassen, endet das im Spießbürgerlichen. Hiergegen setzt Tabori einen anderen, aus Kafkas Fragmenten gewonnenen Schluss: Er zeigt Rotpeters Widerwillen vor Menschen.

Ein in der Mitte artig geraffter Vorhang grenzt die Bühne des Berliner Ensembles ab. Davor ein rotgedeckter Tisch, darauf eine Whiskyflasche mit Glas, ein Schälchen für Nüsse, und aus einer Kristallvase ragt eine langstielige Rose. Hinter dem Tisch kauert auf wuchtigem Sessel Rotpeter. Der ist Peter Radtke, der glasknochenkranke Schauspieler, Regisseur, Autor und leidenschaftliche Anwalt behinderter Menschen. Hereingetragen von Karl Heinz Gruber (fortan wachsamer Zuhörer und stummer Souffleur) spielt Radtke den Bericht aus seiner besonderen Physis. Die Hände mit den langen, beweglichen Fingern formen, kneten den Text.

Aus anfänglicher Zurückhaltung wächst das Bedürfnis, vom Tisch Besitz zu ergreifen, den Zuschauern näher zu kommen. Das Glas fliegt fort, Nussschalen werden gespuckt, die Rose stirbt unter zerpflückenden Fingern, die Vase stürzt. Radtke spricht und raunzt, wird böse, fällt kratzend und schnaufend ins Kreatürliche zurück und bleibt doch, faszinierend sachlich, ja mitunter fast gelangweilt. Was Rotpeter zu erzählen hat, ist Radtke mehr Last als Lust, es bedeutet Arbeit, Anstrengung. Den Fluss der Erzählung raut er auf, durch Unterbrechungen, kleine Späße, Kontaktaufnahme zum Publikum. Er müht sich, mit dem schweren kleinen Körper, mit Händen und Füßen, scheut das Erbarmungswürdige nicht und erhebt sich doch über alle physische Behinderung. Die Seltsamkeit eines Wesens, das sich unter Verzicht auf jeden Eigensinn einer unglaublichen Wandlung unterwirft, wird erschreckend offenbar. Radtke zeigt die Tragödie der Menschwerdung: nicht eine Mutation als wissenschaftlichen Erfolg.

Die spannungsvolle, knapp einstündige Aufführung unter Leitung von George Tabori und Margit Koppendörfer war bereits in vielen Städten Europas erfolgreich. Sie fand nun auch im Berliner Ensemble, "neu überarbeitet", starken Beifall.

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