Berlienr Philharmoniker : Die Kunst, ein Orchester zu managen

Vom Fernsehen zu den Berliner Philharmonikern: Der neue Intendant Martin Hoffmann stellt sich vor.

Jörg Königsdorf
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Die Marke „Philharmoniker“. Hoffmann vor Chefdirigent Simon Rattle. Foto: ddp

Pressekonferenzen funktionieren nach einem ziemlich einfachen Muster. Wer das Sagen hat, sitzt oben auf dem Podium. Bei den Berliner Philharmonikern sind das der Chefdirigent Simon Rattle, der Orchestervorstand und allenfalls noch Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz. Sie stellen am frühen Freitagmorgen im Foyer der Philharmonie den neuen Intendanten von Deutschlands berühmtestem Orchester vor. Die amtierende Intendantin Pamela Rosenberg wird dagegen in die erste Zuschauerreihe verbannt – ein unmissverständliches Signal, welche Bedeutung die Philharmoniker diesem Posten eigentlich beimessen.

Denn so prestigeträchtig der Titel eines Philharmoniker-Intendanten ist, so wenig Handlungsspielraum bietet er in Wirklichkeit: Welche Musik gespielt wird, entscheiden allein der Chefdirigent und sein Orchester. Dem Intendanten bleibt höchstens eine Profilierung durch Rahmenprogramme wie die von Rosenberg initiierten Lunchkonzerte oder die „Alla Turca“-Reihe mit türkischer Musik. Wer mehr will, wie beispielsweise Rosenbergs Vorgänger Franz Xaver Ohnesorg, wird schnell wieder vor die Tür gesetzt.

Es ist von daher nur konsequent, dass sich Rattle und seine Musiker nun für einen Kandidaten entschieden haben, der keinerlei künstlerische Ambitionen hegt: Der 49-jährige Martin Hoffmann, der Rosenberg im September 2010 ablösen wird, ist ein Manager, dessen berufliche Laufbahn bislang keine auffälligen Berührungspunkte mit der Hochkultur besaß: Bekannt wurde der Jurist, der bei den Philharmonikern einen Fünfjahresvertrag unterschrieben hat, vor allem als Programmgeschäftsführer des Privatsenders Sat1, unter anderem als der Mann hinter Harald Schmidt. Und die letzten fünf Jahre produzierte Hoffmann als Chef einer TV-Firma Serien wie „Bauer sucht Frau“.

Hoffmann habe nicht exakt seiner Vorstellung entsprochen, mit diesen Worten kommentierte Schmitz die Entscheidung, die die Findungskommission unter seiner Leitung in einem sechsmonatigen Auswahlprozess getroffen hat: „Wir wollten jemanden, der sich um die Vernetzung der Stiftung Berliner Philharmoniker, um Sponsoren, Vermarktung und Kontakte kümmern soll und gleichzeitig eine hohe künstlerische Kompetenz besitzt. Bei unserer Suche mussten wir jedoch feststellen, dass es keinen gibt, der beides kann.“ Deshalb habe man sich für einen Manager-Intendanten entschieden – und sucht anderweitig nach Kompensation. Für die künstlerische Planung beispielsweise der von den Philharmonikern veranstalteten Kammermusik-Reihen wird ab 2010 ein neuer Posten geschaffen – eine Weichenstellung, die das Aufgabenfeld des Intendanten vollends dem eines Orchestermanagers nach amerikanischem Muster annähert.

Wie Hoffmann die Marke „Philharmoniker“ nun genau aufpolieren will und soll, ließen die Beteiligten allerdings offen: Während der designierte Intendant viel Managerlyrik bemüht („Ich begebe mich auf eine spannende Reise“), preist Rattle ihn als jemanden, „der außerhalb der Box denkt“. Und Orchestervorstand Andreas Wittmann sieht in ihm „einen unablässigen Quell der Energie, fantasievoll und geistreich“. Etwas konkreter hätte man das schon gerne gehabt.

Die rekordverdächtig kurze Zeitspanne von der Entscheidung der Findungskommission am Dienstag über die Zustimmung von Stiftungsrat und Orchester am Donnerstag bis zur Vertragsunterzeichnung am Freitag deutet freilich darauf hin, dass jede Diskussion über den Zuschnitt und die potenziellen Aufgaben eines Philharmoniker-Intendanten um jeden Preis vermieden werden sollte. Der Senat dürfte angesichts der zahlreichen Vakanzen in der Berliner Klassikszene (Deutsche Oper, Konzerthaus-Orchester, Deutsches Symphonie-Orchester) froh über jeden neubesetzten Posten sein. Die Philharmoniker ihrerseits wollen ohnehin niemanden, der ihnen selbstständige Programmideen aufzwingt.

Von Martin Hoffmann sind die auch nicht zu erwarten: Er habe zwar als Jugendlicher Geige gespielt, sei jedoch seither nur „intensiver Klassikhörer“ und natürlich regelmäßiger Besucher der Philharmoniker-Konzerte: „Block A, Reihe 10, Platz 13“ – nur wenige Meter vom traditionellen Intendanten-Sitz entfernt. Im nächsten Jahr darf er ein paar Plätze weiterrücken.

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