Kultur : Berlin Alexanderplatz 5.0

BODO MROZEK

Rosenthalerplatz, Treffpunkt Germania-Apotheke.Es riecht nach Frühling und Döner Kebab, vorm Café "Gorki-Park" stehen die ersten Stühle im Sonnenschein.Der junge Mann trägt Kopfhörer und eine Weste, aus der allerlei Kabel heraushängen.Er wanderte die Rosenthaler Sraße am Warenhaus Tietz vorbei, nach rechts bog er ein in die schmale Sophienstraße.So steht es in Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz".Und tatsächlich: Plötzlich ist Franz Biberkopfs Stimme im Ohr, wird leiser, scheint sich zu entfernen.Die Hoftüre öffnete sich, einer schlurfte an ihm vorbei, stellte sich hinter ihn.Er ächzte jetzt...Im Kopfhörer ächzt es vernehmlich.Der Verkabelte nimmt die Verfolgung auf, ein blinkender Pfeil auf dem Display seines Minicomputers weist die Richtung.

Franzeken Biberkopf, der Haftentlassene, geistert durch das Berlin der 90er Jahre, ziellos wie damals, auf der Suche nach ein wenig Nahrung und ein wenig Arbeit.Biberkopf ist heute Hauptdarsteller einer Computeranimation, der satellitengestützten Hör-Installation "Berlin Alexanderplatz 5.0".Und der Wanderer mit den Kopfhörern: ein "Cybernaut"? Oder gar der Leser von morgen?

Um Fragen wie diese geht es am Abend bei der 5.Berliner Softmoderne, dem Festival der Internetliteratur.Doch mit Antworten hält man sich im Podewil klug zurück.Man wolle hier nicht die Literatur im Netz präsentieren.Vielmehr gehe es um Ausblicke, lassen die Veranstalter Stephan Porombka, Hilmar Schmundt und Thomas Wegmann gleich eingangs verlauten.Es fallen freilich jene computerdeutschen Begriffe, die offenbar unvermeidlich sind, wenn die junge Info-Elite sich ein Stelldichein gibt.Die Diskurse kreisen naturgemäß noch immer um Glasfaseruniversen, virtuelle Realitäten, parallele Welten.

Und doch ist mit den Jahren einiges anders geworden.Der Hype ist vorbei - was bleibt, ist Hypertext.So bringt es der Literaturwissenschaftler und Hypertextforscher Stephan Porombka auf den Punkt.Noch in den frühen 90ern zog sich der Internet-Schock wie ein roter Glasfaserfaden durch die aufgeregten Kulturpessimismen von Medientheoretikern wie Jean Baudrillard, Neil Postman und anderen, die das Ende der Gutenberg-Galaxis drohen sahen.Doch was früher argwöhnisch bespenglert oder euphorisch gefeiert wurde, ist längst zur Selbstverständlichkeit geworden.Heute präsentieren die Werbestrategen der Versandhäuser und Banken gerne angorabekleidete junge Damen, die sich liegend vorm PC räkeln, um dabei "spielend" per Mausklick einzukaufen.Die "Kuschelatmosphäre für alle" sei der Männerwelt des Hackers als "Lonesome Rider" gewichen, so Porombkas pointierte Medienanalyse.

Von "Kuschelatmosphäre" kann auf der Softmoderne keine Rede sein.Die Vertreter verschiedener Online-Unternehmen, die um die einzig wahre Repräsentation Berlins im Netz konkurrieren (zentral oder dezentral?), beharken sich in gewohnter Heftigkeit.Buh-Mann ist dabei erwartungsgemäß der kleinlaut gewordene Debis-Vertreter Sascha Korp, der zerknirscht einräumt, mit seinen vollmundigen Visionen des Internetauftritts "berlin.de" vorerst gescheitert zu sein.

Doch als auf dem Podium heftig gestritten und geworben wird, mischt sich plötzlich und wohltuend die Stimme eines kühlen Mahners ins Hick-Hack.Albrecht Göschel vom Deutschen Institut für Urbanistik holt die eitle Debatte in einer Grundsatzrede auf den Boden zurück.Das Netz sei nämlich alles andere als ein demokratisches Medium.In seinen Strukturen wachse allenfalls eine kleine, feine "Info-Elite" - der Mehrheit fehle die Fähigkeit, sinnvoll auszuwählen.Auch den Traum von der Metropole entlarvt Göschel als frommen Wunsch: im internationalen Vergleich sei Berlin bislang allenfalls eine große Stadt.Jeder Versuch der Inszenierung von Wohlstand, sei es in den Glitzerwelten des Netzes oder der Protz-Architektur einer neuen Mitte, führe auf lange Sicht zur "Zweiteilung der Stadt".Glitzertown Potsdamer Platz versus "neue Notgebiete": Friedrichshain, Kreuzberg, Lichtenberg.Genau diese Konfliktlinien verdecken Göschel zufolge die zwanghaft optimistischen Netzsimulationen: "Ich höre die Botschaft, doch mir fehlt der Glaube."

Anderntags dann die Literatur: Vor einer überdimensionalen Monitorprojektion mit vielen kleinen Icons sitzen ausgewählte Surfpoeten im ehemaligen "Haus der Talente".Claudius Hagemeister, der präzise und witzige Beobachter von Berliner Straßenszenen, führt virtuos durch seine Klickeratur, spielt unterhaltsam mit Stimmen und Geräuschen.Aus der klinischen Microsoft-Oberfläche dringt das Rattern der U-Bahn, geraten Libanesen und Türken auf der Potsdamer Straße in typischem Idiom aneinander: "Isch fick disch, du Opfer!" Kathrin Röggla ("Abrauschen", Residenz-Verlag 1997) verbindet High- und Low-Tech, wie sie sagt, indem sie eine Art Hörspiel vom Diktiergerät in die Animation einspielt, und Norman Ohler ("Die Quotenmaschine", Rowohlt 1998) gibt mit seinen U-Bahngesprächen immer noch den anarchistischen Cyberpunk, indem er innere Monologe und Handy-Dialoge von ironischer Coolness liest.

Die meisten Texte aber, etwa vom Essayisten Michael Rutschky, der gar keinen Computer bedienen kann und einen Diavortrag umsetzt, oder die sprechenden Adreßbücher von David Wagner, Rainer Merkel und Jörg Paulus funktionieren nach dem Prinzip: Autor sucht Programmierer.Einzig Peter Glaser entzieht sich der Lesung und lädt stattdessen zum Besuch seiner Seiten ein.Die gespannten Erwartungen an die großen Experimente und eine völlig neue Sprache scheinen zumindest gedämpft und es ist allenfalls die Kurzprosa, die durch die zufälligen Verbindungen gewinnt.Nach stundenlangen Mausklicks stellt man schließlich fest: der Autor ist nicht tot, er behält auch seine Autorität.Nur sind seine (Hyper-)Texte ein wenig kürzer, ist das Ganze etwas bunter geworden.Und diese Erkenntnis ist irgendwie auch sehr beruhigend.

Die Autorentexte sind unter der Internetadresse www.softmoderne.de zugänglich

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