Kultur : Berlin am Meer

Maler trifft Bildhauer: Heldt und Uhlmann in der Galerie Brusberg

Michael Zajonz

Die Fünfzigerjahre schlummern im Depot. Kaum ein deutsches Kunstmuseum greift derzeit auf seine Bestände aus der Phase des Aufbruchs zurück. „Zwei Retrospektiven“ nennt der Kunsthändler Dieter Brusberg hintersinnig seine Ausstellung des Malers Werner Heldt (1904–54) und des Bildhauers Hans Uhlmann (1900–75). Beide gelten als wichtige Vertreter deutscher Kunst nach 1945, beide bezogen in den ideologischen Auseinandersetzungen zwischen Figuration und Abstraktion eigenständig Stellung. Schon auf der ersten Documenta 1955 stellte Arnold Bode Eisenskulpturen Uhlmanns neben Gemälden von Heldt aus. Von Kassel an den Ku’damm: Brusbergs musealen Ansprüchen genügende Schau kommt einer Wiederentdeckung gleich.

Zwei Wege zum Ziel

Formal lassen sich die mal aus dünnem Eisendraht, mal aus perforiertem Blech gebogenen Flugwesen und Tänzerinnen Uhlmanns, seine spätkubistischen Köpfe und die handschmeichelnden Kleinbronzen weit besser mit Bildern Ernst Wilhelm Nays kombinieren – was Brusberg mit einer Studioausstellung 1998 eindrucksvoll belegt hat. Die aktuelle Präsentation vergleicht eher methodisch als formal zwei „unterschiedliche Wege zu einem gemeinsamen Ziel“. Heldt wie Uhlmann eroberten sich eine international orientierte Moderne, die das Bild des Menschen nicht ganz verleugnet.

Etliche der Leihgaben, die Brusberg nun temporär in seine Galerie zurückgeholt hat, sind seit Jahrzehnten in renommierten öffentlichen Sammlungen zu sehen. Aus der Neuen Nationalgalerie etwa holte Brusberg für die Ausstellung Heldts essenzielle „Komposition (Berliner Häuser mit dem Ofenrohr)“ zurück. 1954 kurz vor der Abreise nach Ischia entstanden, offenbart ihr spröder Duktus das ganze Arsenal von Heldts Bildideen: die kaum noch Raum erzeugenden monochromen oder getupften Giebel der Alt-Berliner Bürgerhäuser; rätselhafte Utensilien im Vordergrund, die nicht mehr ins Bild leiten, sondern es verstellen; knappe Chiffren für Sand und Wasser – kurz: seine Erfindung „Berlin am Meer“. Bei Brusberg hingegen darf Berliner Überfluss arrangieren: Allein acht, teils marktfrische Gemälde Heldts stehen zum Verkauf.

Souveräner Übermut

Dazu locken Hans Uhlmanns Etüden in Eisen – und auf Papier. Wie drei 1934/35 entstandene farbige Federzeichnungen aus der Mappe „köpfe, zöpfe, locken und bürsten aus Draht“. Was sich hier in der (gezeichneten) Führung paralleler Eisendrähte wie ein letzter Anflug von Tektonik ausnimmt, entpuppt sich bei der kleinen „Stehenden“ von 1946 (40 000 Euro) als souveräner Übermut. Federnd umspielt sie den Raum.

Die beiden Berliner Künstler schätzten und kommentierten das Œuvre des jeweils anderen, begegneten sich privat jedoch freundlich zurückhaltend. Ihre künstlerische Außenseiterrolle ließe sich bis in die Gegenwart verlängern. Beider Werk ist noch immer unterbewertet. Für die um 1960 entstandenen Kohlezeichnungen Uhlmanns – Kompositionen von äußerster räumlicher Raffinesse – verlangt Brusberg gerade 5000 Euro. Dem seit zwanzig Jahren in Berlin ansässigen Kunsthändler geht es neben händlerischer Bestätigung um Grundsätzliches: die Frage nach der künstlerischen Relevanz. Seit Jahrzehnten streitet er dafür, Heldt und Uhlmann mehr als Logenplätze in der europäischen Moderne zuzugestehen. Jüngst erwarb die Karlsruher Kunsthalle eine Skulptur Uhlmanns. Nun wären andere Museen am Zuge.

Galerie Brusberg, Kurfürstendamm 213, bis 29. März; Dienstag bis Freitag 10–18 Uhr 30, Sonnabend 10–14 Uhr.

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