Kultur : Berlin, antik modern

Südländischer Karneval tobt in Kreuzberg, die wundersame "Reise ins Ungewisse" lockt mit Böcklin, de Chirico und Max Ernst in die Neuen Nationalgalerie, im Alten Museum aufersteht die Antikensammlung, Woody Allen ist ohenhin schon da als dirty little Harry, und noch immer gedeiht so rätselhaft unerschöpflich und supergroß der Beelitzer Spargel (warum fällt einem das grad bei Woody ein?), Dylan singt morgen und die Stones wohl demnächst, nach dem Bibliotheksunfall, und Berlins neue Gemäldegalerie wird zur Attraktion alsbald - nein, wer Sozialstatistiken und Armutsgürteldiagnosen einmal vergißt, dem kann die Stadt schon gefallen im vorletzten Frühling des Jahrhunderts.Man muß sich nur an New York, die vor zwanzig Jahren totgesagte Stadt, erinnern: Wie sollte da das Projekt Berlin nicht endlich gelingen! Die Baustelle der alten neuen Hauptstadt bekommt Konturen der Verdichtung und neuen Silhouette.So wird die Foster-Kuppel des Reichstags immer erkennbarer zu einem künftigen Zeichen: Ohne falsche Monumentalität erhebt sie den zuvor eher plumpen Bau und markiert - stärker denn Wallots ursprüngliche Haube - als hohe Rundung auch einen Kontrast zur gedrungen klobigen Eckigkeit der in Berlins Mitte restaurierten oder neugebauten Blockarchitektur.Was immer freilich am Potsdamer Platz, wo sich Enttäuschungen und Hoffnungen im wachsenden Weichbild die Waage halten, nunmehr entstehen mag: Die Wüste, eben noch, bebt und lebt, es sind, frei nach Peter Handke, die Zurüstungen für eine neue kleine Unsterblichkeit.Damit wären wir auch bei der Antike.

Berlins Antikensammlung mit ihren griechischen Kleinoden erwies sich am Wochenende als Publikumsmagnet.Natürlich überwiegt erstmal die Freude, daß ein Ensemble überwiegend erstklassiger Vasen, Schmuckstücke und Kleinplastiken nach sechs Jahrzehnten der Auslagerung, Trennung von Sammlungsbeständen und Magazinierung jetzt wieder im renovierten Alten Museum zu sehen ist.Man ahnt Arbeit und Kosten, erkennt die museumspädagogische Sorgfalt.Aber trotz aller anordnender Vernunft- und Informationsbemühungen (mit Videoecken und kurzen Surfprogrammen im archäologischen Internet): Die Kunst und ihre Widerspiegelung in Geschichte und Gegenwart gewinnt in den eng umlaufenden Gängen dieses Museums keine Luft und gewährt keinen Raum für wirkliche Entdeckerlust.Alles ist in gläserner Vitrinenhülle und versammelter Überfülle kleinstteilig aneinandergefügt, in Reih und Glied, getaucht ins immergleiche klinische Licht grauweißer Räume: unter den schon zu Schinkels Zeiten (zu) niedrigen, jetzt nochmals abgehängten Decken.Niemand, der es nicht in der Zeitung oder im Katalog gelesen hat, kommt auf die Idee, daß an Schinkels einstige Säulenreihen jetzt graue halbhohe Info-Stelen gemahnen sollen.Weil Licht und Farben und die symmetrisch stereotype Gliederung nie wechseln, entsteht nicht einmal eine andeutende Vorstellung von der Farbigkeit antiker Welten und Werke, vom landschaftlichen, architektonischen oder lebenskulturellen Kontext der in den Vitrinen ruhenden Objekte.Man begegnet Ablagerungen, keiner verlebendigenden Präsentation.So fehlt auch jede sinnliche oder sinnbezügliche Verbindung zu Schinkels klassizistischer Mittelrotunde - und es bleibt noch ein weiter Weg vom aufwendigen Provisorium zum großen, mit dem Pergamonmuseum nicht nur im Katalog und in Prospekten vereinten Antikenmuseum, das Berlins Sammlungen verdienen. P.v.B.

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