Berlin Art Week 2014 : Wilde Gesänge

Die Neue Nationalgalerie zeigt zum großen Berliner Kunstreigen Bilder des israelischen Malers Moshe Gershuni. Zum ersten Mal nach 30 Jahren hat er damit wieder eine Ausstellung in Deutschland. Seine Wiederentdeckung ausgerechnet zur Art Week kommt eher überraschend.

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Eruptive Flecken. Moshe Gershunis Gemälde „Ich bin Soldat“ (1980).
Eruptive Flecken. Moshe Gershunis Gemälde „Ich bin Soldat“ (1980).Foto: Neue Nationalgalerie/Givon Art Galery Tel Aviv

Der Countdown läuft, es sind nur noch wenige Monate bis zur Schließung der Neuen Nationalgalerie am 31. Dezember. Man mag es kaum glauben, dass der Mies-van-der-Rohe-Bau für mindestens zwei Jahre nicht mehr zugänglich sein wird. Umso kostbarer die Zeit, in der das Haus noch zu besuchen ist, umso wichtiger die Ausstellungen zum Schluss. Wie gerade die Sammlungspräsentation der Jahre 1968 bis 2000 und ab 1. Oktober ein Prolog des britischen Architekten David Chipperfield auf die denkmalgerechte Sanierung des Gebäudes.

Als Beitrag zur Berlin Art Week wird eine Ausstellung des israelischen Malers Moshe Gershuni präsentiert, die gelinde gesagt verwundert, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt. Die Stadt brummt, das Publikum kommt – und die Neue Nationalgalerie, das erste Haus am Platz, offeriert eine eher randständige Position. Gershuni mag in seinem Land eine Größe sein, in Deutschland ist er nun zum ersten Mal seit über 30 Jahren zu sehen. Seine neoexpressiven Bilder verraten schnell, warum das so ist. Die zwischen 1979 und 2011 entstandenen Werke sind zwar stark, mit Furor gemalt, doch bleiben sie ihrem Kulturraum verhaftet. 2013 hatte Direktor Udo Kittelmann zur Art Week im Van-der-Rohe-Bau noch mit der umstrittenen Ausstellung eines Berliner Malerquartetts die Diskussion angeheizt, sich positioniert. Wie sehr wünschte man sich jetzt, dass er im Saal des ehemaligen Kupferstichkabinetts einen jungen Künstler sich hätte austoben lassen, er eine Überraschung gewagt hätte. Die nun zelebrierte Entdeckung eines abgelegenen Werks enttäuscht.

Die Bilder des 70-Jährigen, der heute im Rollstuhl sitzt, entstanden auf dem Atelierboden liegend. Der Künstler kroch auf allen vieren über sie, verteilte die Farbe mit seinen Fingern. Dazwischen Notate in hebräischer Schrift, hier Hakenkreuze, dort Davidsterne. Sie raunen von einer wilden Lust, denn erst mit seinem Coming-out begann Gershuni, der sich bereits als Konzeptkünstler einen Namen gemacht und Israel 1980 auf der Biennale in Venedig vertreten hatte, zu malen. Hinter dem Motiv des Alpenveilchens verbirgt sich mal mehr, mal weniger offensichtlich der erigierte Penis. Die auf das Papier gespritzte Farbe steht für das Ejakulat.

Und doch besitzen seine Bilder auch eine Feinheit. Immer wieder zitiert Gershuni die Bibel, die vier ernsten Gesänge. Die Werke vereinen Temperament und Intellektualität. Mit dieser Widersprüchlichkeit wird der Besucher gleich zu Beginn konfrontiert. Auf der Außenwand des Ausstellungssaals steht rot in hebräischen Großbuchstaben geschrieben „Wer ist Zionist und wer nicht“. Darin ist Gershuni noch ganz Konzeptualist, die Wandarbeit entstand 1979. Seine herausfordernde Frage ragt in die gesamte Nationalgalerie hinein, sie politisiert die Umgebung, ruft noch mal die Geschichte der Nationalgalerie, der Vergangenheit auf. Die Antwort bleibt aus.

Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50, bis 31. 12.; Di, Mi, Fr 10–18 Uhr, Sa / So 11–18 Uhr, Do 10–20 Uhr. Katalog 45 €.

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