Berlin Art Week: ArtFi-Konferenz : Das Kunststück, mit Kunst Geld zu machen

Sammler, Händler und Messechefs diskutieren im Tagesspiegel über die Zukunft des Kunstmarkts auf der Artfinance-Konferenz im Gebäude des Tagesspiegels. Die knapp 400 Galerien Berlins sind da nur eine Randerscheinung im ganz großen internationalen Geschäft.

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China ist der kommende Markt. Clare McAndrew erklärt auf der Artfi-Konferenz die Tendenzen des Marktes in Südost-Asien. Foto: Thilo Rückeis
China ist der kommende Markt. Clare McAndrew erklärt auf der Artfi-Konferenz die Tendenzen des Marktes in Südost-Asien.Foto: Thilo Rückeis

Mit dem Kunstsammeln kann man Riesenprofite erzielen, fasst der Berliner Sammler Christian Boros seine bald 25-jährige Erfahrung zusammen. Bei der Auseinandersetzung mit Kunst habe er großartige Freunde gewonnen und von den Künstlern gelernt, Dinge zu tun, die ihm bis dahin nicht vorstellbar waren. So viel zum Thema Rendite. „Künstler haben keine Chefs, sie sind frei im Denken.“ Boros’ Liebeserklärung lässt bei der Artfi, der „Fine Art & Finance Conference“ im Gebäude des Tagesspiegels am Askanischen Platz, für einen Moment die Extraportion Leidenschaft aufblitzen, die den Kunstmarkt faszinierend macht. Auch auf der Berlin Art Week, in deren Rahmen die Konferenz stattfand.

400 Berliner Galerien ist nur ein winziger Teil des globalen Kunstmarkts

Wie funktioniert dieser komplizierte Markt, der stets von einem Fünkchen Wahnsinn angetrieben wird? Wie verändert er sich? Wie entwicklungsfähig ist er in Berlin? Die Stadt ist dafür bekannt, dass hier Kunst produziert wird, aber niemand über Geld reden will. Die Artfi bricht mit der noblen Zurückhaltung; sie will jenseits des Handels für Gedankenaustausch und Networking sorgen. Die Initiatorinnen Aya Shoham und Shiri Benartzi, die in Tel Aviv die Art Station Gallery betreiben, wollen den Kunstmarkt für neue Sammler öffnen. Zweimal fand die Tagung bereits in Tel Aviv statt. Am Mittwoch sollte nun die Berliner Kunstszene beleuchtet werden.

Auf 300, 400 Galerien wird der Berliner Kunsthandel geschätzt. Das ist ein winziger Anteil des globalen Geschäfts, wie die irische Kulturökonomin Clare McAndrew plastisch vor Augen führt. Regelmäßig beobachtet sie für die Maastrichter Tefaf die Marktentwicklungen. Auf 47,4 Milliarden Euro belief sich im letzten Jahr der weltweite Umsatz mit Kunst und Antiquitäten. Seit den 50er Jahren dominiert New York den Kunsthandel, und noch immer werden in den Vereinigten Staaten 38 Prozent des Gesamtumsatzes erzielt. Deutschland bleibt weit dahinter zurück.

Das Hauptgeschäft findet inzwischen beim Verkauf von Werken der Nachkriegsmoderne statt. Wobei sich das Interesse auf 15 bis 20 Künstler reduziert, deren Werke alle besitzen wollen, meint McAndrew. Der indirekte Gewinn aus dem Kunsthandel ist jedoch breiter gestreut: Städte profitieren vom Kulturtourismus; der Besucher einer Kunstmesse bleibt länger und gibt mehr Geld aus als andere Touristen; Dienstleister erhalten zusätzliche Aufträge. Der Handel mit der Kunst ist an Menschen gebunden. Er benötigt Expertise, Vertrauen, Zeit. Weltweit generiert das Geschäft rund 2,5 Millionen Arbeitsplätze.

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Ivo Wessel: "Wenn du schwarze Zahlen schreibst, bist du kein Kunstsammler"

China belegt im Kunstmarkt-Ranking inzwischen den zweiten Platz nach den USA, mit fast einem Viertel des weltweiten Umsatzes. Seit 2006 baut das französische Ehepaar Dominique und Sylvain Levy eine Sammlung auf, die sich ganz auf zeitgenössische chinesische Kunst spezialisiert. Für ihre DSL-Collection hat sich das Paar klare Regeln auferlegt: Sie soll begrenzt bleiben, besteht vor allem aus großformatigen Arbeiten und ist übers Internet zugänglich. „Im Museum verliere ich meine Freiheit“, erklärt Sylvain Levy auf der Artfi.

Dominique und Sylvain Levy verstehen Kunstsammeln als Abenteuer; vier Mal im Jahr fliegen sie nach China. Karen und Christian Boros erleben ihr Abenteuer in den eigenen vier Wänden, in ihrem Beton-Bunker unweit des Deutschen Theaters in Mitte. Die beiden genießen den Vorteil, dass sie gemeinsam mit den Künstlern in die Stadt kamen. Ein Glücksfall: Wie diese erlebten sie den atemberaubenden Transformationsprozess Berlins nach dem Mauerfall, der sich in der Kunst abbildet. Im Boros-Bunker gelangen historischer Moment, Alltag und künstlerische Verdichtung zu optimaler Deckungsgleichheit. Eine harmonische Fügung.

Eine Stärke der Stadt ist ihre Kleinteiligkeit. Galerien übernehmen Museumsfunktionen. Kein Mega-Reicher stellt alle anderen in den Schatten. Stattdessen engagieren sich viele Kunstsüchtige im Mittelfeld. Ivo Wessel, Softwareentwickler und Sammler, schlägt vor, die Kunsthallen-Pläne zu begraben und den Sammlern stattdessen eine leere Halle zur Verfügung zu stellen, für gemeinsame Ausstellungen. Bei der Frage nach dem Geld bestätigt Wessel das Bild von der Berliner Lässigkeit. „Man muss sein Konto ausreizen. Wenn du schwarze Zahlen schreibst, bist du kein Kunstsammler.“

Risiken eingehen, Aufregendes gestalten

Eigentlich gute Aussichten für die ABC, die Art Berlin Contemporary, die sich selbst nicht Messe nennen will. Die Suche nach einem neuen Format, das der Konkurrenz der Auktionshäuser standhalten kann, treibt auch die internationale Messeszene um. Keine Sorgen muss sich eine hochspezialisierte Schau wie die Loop in Barcelona machen, die nur bewegte Bilder zeigt. Einmal im Jahr trifft sich eine eingeschworene Gemeinde in einem Hotel, wandert von Zimmer zu Zimmer, lümmelt auf den Betten und schaut Künstlerfilme. Anders als herkömmliche Messen ist das kleine Festival vor Konkurrenz sicher. Lorenzo Rudolf, einst Direktor der Art Basel, jetzt Chef der Art Stage Singapore, sieht die Messen künftig stärker in der Pflicht, auch kuratorisch tätig zu werden. Noah Horowitz, seit drei Jahren Leiter der New Yorker Armory Show, will seine Messe enger mit dem urbanen Umfeld verknüpfen. Beides versucht die ABC nun in Kreuzberg.

„Der Markt macht die Künstler; die Kritik ist durch Rankings ersetzt worden“, lautet Lorenzo Rudolfs harsches Resümee. Risiken eingehen, Aufregendes gestalten, empfiehlt er den Mitbewerbern. Die Art Week wird zeigen, ob die Kunststadt Berlin eine solche Alternative zu bieten hat.

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