Berlin Art Week: "Welcome to the Jungle" : Ich will dich schreien hören

„Welcome to the Jungle“ nennen die Kunst-Werke ihren Festivalbeitrag zur Berlin Art Week und versprechen: Es wird sinnlich im großstädtischen Urwald - und körperlich!

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Sonnig. Die Installation „Malibu Sunrise“ von Marianne Vlaschits.
Sonnig. Die Installation „Malibu Sunrise“ von Marianne Vlaschits.Foto: Rainer Iglar

Die Stadt ist ein Dickicht, ein Dschungel, ein sinnlich-fruchtbarer Urwald, den man im buchstäblichen Sinne des Wortes nicht mehr durchblickt. Orientierung, Kontrolle? Laaaaaangweilig! Unzählige Songs erzählen vom Spaß in der Stadt. Da hat jemand die Nacht seines Lebens in Bangkok, New York oder Moskau. Für Berlin gilt das sowieso. „Welcome to the jungle we’ve got fun and games/ We got everything you want honey, we know the names“, sang Axl Rose 1987. Der Song „Welcome to the jungle“ von Guns N’ Roses lieferte nun den Titel für die Ausstellung in den Kunst-Werken. Die Stadt als Versprechen, als Verheißung von unendlichem Spaß – das hat in der Kunst zuletzt kaum jemand gewagt. Die Situation ist zu ernst für Exzesse. Aber wir erinnern uns immerhin. Gedeih und Verderb liegen eng beieinander. „Ooh, I want to hear you scream!“

Dass sich zur Art Week vier zentrale Berliner Kunstinstitutionen – die Nationalgalerie, die Berlinische Galerie, die Deutsche Bank Kunsthalle und die KW – zusammentun, um unter einem gemeinsamen Thema auszustellen, ist gut für Berlin als Kunststadt. Aber auch eine Herausforderung für die so unterschiedlichen Institutionen. „Freiräume für Künstler, Stadtplanung, Gentrifizierung – das diesjährige Thema ,Stadt/Bild’ beschäftigt die KW seit 25 Jahren“, sagt Chefkuratori Ellen Blumenstein. „Wir wollten weder die eigene Position kritisch kommentieren noch fragen, was Berlin braucht.“ Deshalb handelt die Ausstellung von Projektionen. Von Wünschen, von Lust, Exzess und natürlich vom Absturz. „Der Dschungel signalisiert die maximale Distanz zum Alltag. Nicht umsonst trug einer der legendärsten Techno-Clubs der Stadt diesen Namen“, sagt Blumenstein. Ob die Kunst da mithalten kann?

Lokale Szene und peinliche Touristen

Den Eingang der KW ziert eine Neonschrift von Libia Castro & Ólafur Ólafsson: „Your country does not exist.“ Da geht es schon los mit den Vexierspielen. Was real scheint, ist es nicht. Die Vorstellung vom Anderen, vom Unbekannten, vom Urwald führt wie in einer Schleife zum eigenen Selbst zurück. Die Frage ist ja immer: Wo steht man selbst. Zunächst vor einer quietschigen Malibu-Installation der Wiener Künstlerin Marianne Vlaschits, die kein Klischee auslässt – Palmen, blaues Meer, Drinks und braun gebrannte Beachboys, alles aus Pappe. Am heutigen Eröffnungsabend werden die Pappmänner sogar Realität, einige sollen sich in einem Whirlpool räkeln.

Keine Theorie über die Stadt wollen die KW ausbreiten, es soll körperlich werden. Ellen Blumenstein hat Arbeiten von vielen in Berlin lebenden Künstlern ausgewählt, die Ausstellung ist auch als Schlaglicht auf die lokale Szene gedacht. Dass Vorstellungen aus anderen Metropolen notwendig sind, war ihr bewusst, deshalb hat die in London stationierte Kuratorin Filipa Ramons weitere künstlerische Positionen ausgewählt. So kam etwa das selbstironische Video „Home 2“ von Olaf Breuning dazu. Darin spielt Breuning einen peinlichen Touristen, der mit Gorillamaske die Bewohner eines fremden Landes kennenlernen will.

Träume und Traumata

Die Ausstellung kommt als Parcours mit vielen Videoarbeiten daher, in dem sich unterschiedliche Urwaldvorstellungen samt ihrer Kehrseiten gegenseitig kommentieren. Sophie-Therese Trenka- Dalton hat Monumente in Dubai fotografiert, daneben steht ein Sandbrunnen von Klaus Weber. Roman Schramm spielt in seiner Serie „Satellite City“ mit Rahmen und Schalen. Er montierte Fotos von Menschen und Pflanzen in digital gebaute Räume und reflektiert über Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit.

Mit Realität, Wahrnehmung und Repräsentation spielt auch Julius von Bismarck. Er ließ Pflanzen im mexikanischen Dschungel von hiesigen Bewohnern erst weiß grundieren und dann mit grünen Farben wieder als Dschungel bemalen. Bismarcks absurde Aktion zeigt: Die Vorstellung, die wir vom Dschungel haben, ist realer als die Wirklichkeit. Nur was bedeutet das – für die Realität und für unsere Projektionen? Hier fängt der Verstand an, sich im Kreis zu drehen. Um das Verwirrspiel komplett zu machen, kommt ein Spiegel mit aufgemaltem Maschendrahtzaun vom Künstlerduo Awst & Walther in den Weg des Besuchers. Man schaut auf sich selbst, nur ist es fast unmöglich zu sagen, ob man drinnen ist oder draußen, hinterm Zaun oder davor.

Spätestens jetzt ist man beim Dschungel in sich selbst angelangt und vorbereitet für den zweiten Teil der Ausstellung, der sich genau damit beschäftigt: mit den eigenen Träumen und Traumata. Soll man sich diesen aussetzen oder sich davor verstecken, wie die Protagonistin in Ulf Amindes Videoarbeit „Lust“? Aminde zeigt in hintereinander geschnittenen Standbildern eine junge Frau, die in einer ziemlich verdreckten Wohnung mit mehreren Hasen lebt und sich dort, in den eigenen vier Wänden, ihren Kosmos geschaffen hat, abgeschottet vom Außen. Irgendwann ist der Künstler selbst im Hasenkostüm zu sehen.

In Jon Rafmans Videosequenzen, die auf Found Footage aus dem Internet basieren, sieht man, wie unglücklich Menschen bei ihren privaten Exzessen aussehen. Der Alltag ist die Hölle – und jenseits davon ist’s noch schlimmer. „Welcome to the jungle it gets worse here every day“, singt Axl Rose. Vor allem das Ende der Ausstellung macht traurig. Aber, oh, wie verheißungsvoll und hell winkt draußen die Stadt.

KW, Auguststr. 69, bis 15. 11.; Mi bis Mo 12 – 19 Uhr, Do 12 – 21 Uhr

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