Berlin Art Week : Welt aus Farbe

Franz Ackermann ist eine der Ausstellungen zum Berlin-Art-Week-Schwerpunkt "Painting Forever" gewidmet. In der Berlinischen Galerie verwandelt der Berliner Maler einen Museumssaal in ein begehbares Bild.

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Utopische Landschaft. „Market Target II (give me two cent)“ nennt Franz Ackermann sein Bild, von dem wir einen Ausschnitt zeigen. Vollständig ist es in der Einzelschau in der Berlinischen Galerie zu sehen.
Utopische Landschaft. „Market Target II (give me two cent)“ nennt Franz Ackermann sein Bild, von dem wir einen Ausschnitt zeigen....Foto: Courtesy Meyer Riegger Karlsruhe

Es gibt Maler, die setzen der überreizten, bildergeilen Welt verwaschene Farben in sich auflösenden Konturen entgegen. Als Korrektiv, um den Blick mithilfe der Kunst zurück an die Feinheiten zu binden. Und es gibt Franz Ackermann: Er malt gegen die Bilderflut mit noch mehr lauten Bildern an. Ein Antidot ohne homöopathische Gaben. Stattdessen erhebt hier einer Anspruch auf visuelle Hegemonie, indem er mit vollem Risiko die Formen, Farben und Dimensionen seiner Malerei überdosiert.

Wie das aussieht, lässt sich in der Berlinischen Galerie erleben. Gleich der Eingangssaal des Hauses steht dem 1963 in Bayern geborenen Künstler im Rahmen der übergreifenden Ausstellungsinitiative „Painting forever!“ zur Verfügung. Ackermann war ebenso wie Michel Majerus oder Tobias Rehberger Anfang der Neunziger ein Grund für den Boom von Berlin als Exporteur malerischer Positionen. Dennoch sieht man seine Arbeit in der Hauptstadt selten. Die weltumspannende Karriere führt den Künstler von Buenos Aires über São Paulo und Dublin nach Tokio. Permanent zugänglich ist sein Werk „Die große Reise“ in München, wo Ackermann in den achtziger Jahren auch an der Kunstakademie studierte. 2003 gestaltete er dort eine U-Bahnstation der Linie 1.

Franz Ackermann letzte Woche während des Aufbaus seiner Ausstellung "Hügel und Zweifel" in der Berlinischen Galerie.
Franz Ackermann letzte Woche während des Aufbaus seiner Ausstellung "Hügel und Zweifel" in der Berlinischen Galerie.Foto:Theo Heimann

Charakteristisch für seine Arbeit waren immer schon die „Mental Maps“. Kleine, teils zarte und teils leuchtend farbige Zeichnungen im handlichen Format, die überwiegend auf Reisen entstehen. Mit ihrer Hilfe strukturiert der Künstler seine subjektiven Eindrücke skizzenhaft. Wolkenkratzer, Abbruchhäuser, urbane Landschaften, Schnellstraßen, Untergrund, abstrakte Neonreklame: Auf den Blättern ballt und verknotet sich alles zu temporeichen Impressionen. Daraus entwickelte Ackermann ein Vokabular, das immer mehr auch auf die Wände der Ausstellungsräume übergriff, um in Installationen zu münden. Monumentale Wandmalerei wechselt mit Fotografie, während flächige Muster mit figürlichen Szenen auf Tafelbildern konkurrieren, die in leichtem Abstand von der Wand installiert werden.

Nach diesem Prinzip entfalten sich auch die Elemente seines Mammutwerks „Hügel und Zweifel“ in der Berlinischen Galerie, das eigentlich „ja nicht als Museum geplant war“, wie Ackermann betont. Das Haus war ursprünglich ein Glaslager und besitzt heute noch den Charme einer Industriehalle. Die Kunst muss sich hier in jeder Ausstellung neu behaupten. Das gilt besonders im ersten, langen und hohen Raum, der Ackermann nun zur Verfügung steht. Ein tückischer Ort mit Lochblech, das sich als weißes Band in Kniehöhe die einzige geschlossene Wand entlangzieht, die nicht von Türen oder Durchgängen zerteilt wird. Dazwischen leuchtet ein Feuerlöscher.

„Den malen wir weg“, verkündet Ackermann mit einer Zuversicht, die aus Erfahrung und Anschauung resultiert. In seinem Atelier in Brandenburg hat er schon vor Monaten ein architektonisches Modell im Maßstab 1:10 gebaut: „Genau die richtige Größe, um einen Eindruck von der Farbverteilung und ihren Volumen zu bekommen.“ Hier ließ sich die Verschränkung von Wandmalerei, Fotografie und autonomen Gemälden im Voraus simulieren. Am Ende, wusste Ackermann, bleiben ihm knapp zehn Tage, um das Projekt im Museum umzusetzen.

Hier steht nun ein ganzes Team und wartet auf seine Anweisungen. Bleibt der blaue Hügel an der Wand, den sie gerade zwischen die grünen gemalt haben? Eigentlich sind es bloß halbe Ellipsen, die sich vervielfacht und gestaffelt zu einem Bergpanorama fügen? Ist die Fläche nebenan zu dunkel? Und muss das pinke Rechteck oben an der Wand in den knappen Stunden bis zur Eröffnung noch einem grauen weichen? Ackermann ist selbst nicht sicher und wartet ab, bis das fehlende Tafelbild seinen Weg an die Wand genommen hat. Und während er die Wirkung im Zusammenspiel prüft, piepsen die hydraulischen Steiger, wird fotografiert und will dauernd jemand etwas vom Künstler wissen. Der Mythos vom schöpferischen Prozess im einsamen Atelier löst sich hier zwischen Plastikeimern, Klebestreifen, Steigern und zehn Assistenten auf.

Doch den Alleinmaler im Atelier, meint Ackermann, gibt es immer noch. Genau wie jene Situationen, in denen er zurückgezogen im Hotelzimmer über seinen „Mental Maps“ sitzt. Der Auftrag für ein großes Wandbild sei ein anderes „Kapitel“ – bestimmt von einer konkreten räumlichen wie zeitlichen Realität. Hier träfen „die klassischen Konventionen der Malerei – Bildidee, Bildfindung und Bildentwicklung – auf einen vierten wichtigen Faktor“: das Ökonomische. Wie viel Zeit und Ressourcen bleiben dem Künstler, um einen schwierigen Raum herauszufordern und ihn anschließend kooperativ zu bewältigen? „Das ist ein knallharter, aber wohltuender Effekt“, meint Ackermann, der seit über einem Jahrzehnt Malerei an der Akademie in Karlsruhe lehrt. „Man muss einmal zum Ende kommen. Selbst die sensibelste Farbkombination sagt dann an einer Stelle: Schluss jetzt!“

Sensibel, das ist bei Ackermann so eine Sache. Über der utopischen Hügellandschaft in gebrochenen Farben dröhnen nicht nur grelle Tafelbilder mit gemalten Interieurs. Sie überlagern sich an jenem Durchgang, durch den es einen in die nächste Ausstellung des Hauses zieht: Wo sich der Raum zur Haupthalle öffnet, reagiert Ackermann mit einer gedachten Achse. An ihrem anderen Ende kommt alles zusammen: zwei Leinwände, eine große Fotografie und darunter die Wandmalerei mit ihren Hügeln und treppenartigen Farbfeldern, die Gangways symbolisieren. Über allem schwebt sechs Meter hoch das Gemälde einer Shopping Mall, deren Ebenen durch eine Rolltreppe verbunden sind. Was noch mehr irritiert: Das Bild hängt schräg auf einem Display, der an die Anzeigentafel eines Flughafens anspielt.

„Das ist hier wie ein Terminal“, meint Ackermann mit Blick auf die kühle Ausstellungshalle. Er kämpft gegen diese Wirkung, indem er den Raum als Bild begreift. „Da weiß ich, was Farbe kann“, meint der Künstler. Gleichzeitig ist er sich der Brisanz bewusst, „solche räumlichen Probleme über die Farbigkeit zu lösen“. Denn farbig knallt auch die Alltagswelt mit ihrer eigenen Ästhetik, die verführen will.

Ackermann dagegen verneint jede Beschönigung. Heimelig soll es nicht werden in einer Halle, die zwei von ihm gesetzte Begriffe miteinander streiten lässt: Hügel und Zweifel. Während das eine für die gemalte Landschaft steht, nistet das andere im Kopf des Betrachters, der sich von den Sujets angezogen und abgestoßen fühlt. Er bleibt Passant an einem transitorischen Ort, den er abschreiten muss, um die Arbeit zu überschauen. Ohne Bewegung erstarrt das Werk „Was ich hier mache, ist ökonomisches Harakiri.“ Ackermann meint damit die Mühe, um einen Möglichkeitsraum zum Fühlen und Denken zu schaffen. Bevor alles – bis auf die Tafelbilder – wieder unter weißer Wandfarbe verschwindet.

Berlinische Galerie, bis 31. 3.; Alte Jakobstr. 124–128, Mi–Mo 10–18 Uhr.

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