Berlin-Besuch : Standard tanzen

Der Mann hat Stil. Was bei Barack Obamas Rede an der Siegessäule fehlte.

Christiane Peitz

Das wird ein Feldgottesdienst, hieß es zuvor. Der Prediger Barack Obama beglückt 200 000 Heilssucher. Politik als Religion, Wahlkampf als Kirchgang. Nein, das war es nicht. Manch einer stand mit verschränkten Armen am Großen Stern: Mal sehen, was der Kandidat so zu bieten hat. Man war gekommen zur Fanmeile, zum Event, aus politischer Neugier. Aber an diesem Donnerstag war das Zentrum Berlins am Ende kein Eventschauplatz, und die Neugier wurde nicht mit Erkenntnis oder Erweckung befriedigt, mit keiner euphorisierenden Überraschung.

Ein Paradox. Die Eventisierung beherrscht alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, die Politik, die Kultur, das Konsumverhalten, die Religion. Mittlerweile wird dem Publikum dabei manchmal unbehaglich zumute, weshalb es sich vom Außergewöhnlichen zugleich das Authentische erhofft. Es will schönen Schein und wahres Sein, Ästhetik und Ethik in einem. In Berlin hat Barack Obama exakt diese Erwartung bedient – und enttäuscht: wegen der Exaktheit. Das Authentische ist nicht so glatt, nicht so fehlerlos, es birgt Risiken und Nebenwirkungen. Die hat Obama vermieden und dem Affen genau die Dosis Zucker gegeben, die er wünscht. Die Anti-AKWler warnt er vor der Atomkraft, die Umweltschützer freuen sich über ihresgleichen, und alle Welt baut gern Brücken – ohnehin die konsensverdächtigste aller Rednerfloskeln.

Der ist ein Popstar, hieß es zuvor. Ein Popstar ist einer, auf den man die eigenen Sehnsüchte projiziert, die dann vergrößert, verschönert, verzaubert erscheinen. Die Lautsprecher scheppern, man versteht kaum etwas, aber der Sound trifft mitten ins Herz. An diesem Donnerstag fand unter der Siegessäule kein Popkonzert statt. Obama ist nicht Springsteen. Wenn der Boss singt, bedeutet das: Ich bin das Publikum, wir sind eins. Obama wahrt Distanz, vermeidet Berührung. Er nähert sich über den langen Laufsteg, mit beherztem und doch bemessenem Schritt. In diesem Augenblick ist er der einsamste Mensch der Welt. Popstars sind nicht einsam. Und nicht so hölzern, so abgezirkelt.

Der ist ein Charismatiker, sagen viele. Ein Charismatiker ist ein Begnadeter, dessen Geist mitzureißen vermag. In seiner Rassismusrede vom März ist das Obama gelungen, in Berlin nicht. Zwar hat er jedes Zuviel an Pathos vermieden, bei dem die Deutschen, von ihrer Geschichte imprägniert, Propaganda wittern. Aber ein Charismatiker ist einer, der sich was traut. Obama hat Standard getanzt, nichts Persönliches riskiert, nichts Unbequemes gefordert, er war weder verwegen noch verlegen, weder spontan noch entwaffend. Er blieb im Rahmen, hielt sich an sein Programm. Fast wirkte er programmiert. Und lieber kassierte er ein Stück Meinungsfreiheit, als Gefahr zu laufen, seine Verteidigung der Meinungsfreiheit von Protestplakaten stören zu lassen. Sein einziger mutiger Satz: dass die Mauern zwischen Christen, Muslimen und Juden eingerissen werden müssen. Der wird nicht allen gefallen.

Wind of change? Ein Charismatiker ist einer, der die Kunst der Rede neu erfindet. Obama hat sich darauf beschränkt, die Regeln der Rhetorik zu befolgen. Drei Danksagungen zu Beginn, drei Mal „Völker der Welt“, drei Mal die Beschwörung „This is the moment“. So sorgsam spricht weder ein Visionär noch ein Blender. Am Ende ist die Ernüchterung heilsam: dass Barack Obama nicht der Weltenretter ist, zu dem manche ihn hochbeten. Sondern ein Präsidentschaftskandidat, der weiß, was die Welt von ihm will. Und der seinerseits berechenbar ist. Jetzt müsste er sich ins Offene wagen.

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