Berlin Biennale : Die große Kollision
27.06.2012 00:00 UhrAm Ende sind sie wohl doch Geschwister, das artig gescheitelte BMW Guggenheim Lab im Prenzlauer Berg und die aufrührerisch frisierte Berlin Biennale in Mitte. Sie sprechen die gleiche Sprache, weil die globalisierte kreative Klasse nun einmal Englisch spricht. Und sie leiden an der gleichen Krankheit, einer fortgeschrittenen sozialen Isolierung, die zu ständigen Selbstgesprächen führt. Das Urbanismus-Labor auf Welttournee und Artur Zmijewskis Wut-Biennale könnten nicht verschiedener aussehen. Die Programme scheinen verschiedenen Welten zu entstammen. Doch fragt man sich bei beiden, was sie mit der Stadt verbindet, auf die sie sich beziehen.
Die Antwort lautet: nichts.
Ahnen konnte man das von Anfang an. In New York machten sich die Blogger über ein Laboratorium lustig, das ausgerechnet in Manhattan, der Hauptstadt der Spekulation und Gentrifizierung über urbane Veränderungen unterrichten wollte. In Berlin trat der Biennale-Chef als Michael Kohlhaas des Kunstbetriebs auf und wetterte gegen die Ego-Trips seiner Zunft. Er konnte aber nicht erklären, welche Wirkung er am Standort selbst entfalten wolle. Die ganze Welt ist unsere Nachbarschaft, fand Zmijewski. Auch Mexiko liege vor der deutschen Haustür. So sollte die Mordrate in Bogotá durch Stärkung der Bürgerkultur verringert werden. Eine Bambussiedlung im Kongo fragte experimentell nach dem Verhältnis von Museum und Öffentlichkeit. Street-Art-Techniken in São Paulo wurden untersucht und Repräsentanten militanter Rebellengruppen eingeladen. Schließlich wurden noch die Großaktionäre des Waffenkonzerns Krauss-Maffei Wegmann an den medialen Pranger gestellt und die Übersiedlung der Enkel der nach Israel geflüchteten Juden in die europäische Heimat erwogen. „Gäbe es dann Frieden?“
Ein Streifzug durch die Berlin Biennale in Bildern:
Berlin-Biennale 2012(19 Bilder)
Die Biennale, die am Wochenende ihre Pforten schließt, wollte von Sri Lanka bis Chicago demonstrieren, dass politische Kunst wieder den „Ungehorsam gegenüber der Falschheit“ lernen müsse. Dabei übersah sie völlig, wie der Zusammenprall einer mobilen, weltgewandten kreativen Schicht mit den lokalen Nachbarn zum eigentlichen Prüfstein wurde. Im Camp der Occupy-Aktivisten, das Zmijewski ins Souterrain der Kunst-Werke in der Auguststraße einlud, begriff man als Erstes, dass eine prominente Kunstinstitution schnell zum Gefängnis wird, wenn man nicht mehr Störfaktor ist, sondern Ausstellungsstück.
So blieb die spannendste Geschichte dieser Biennale weitgehend unbemerkt: Eine kleine Gruppe Aktiver startete auf eigene Faust ein ehrgeiziges Reformprojekt, wollte in Generalversammlungen die Biennale verändern und deren Niedriglöhne diskutieren. Sie hängte Transparente als Sichtblenden vor den Zugangstreppen auf, um das schaulustige Publikum zu größerer Annäherung zu zwingen. Sie versuchte lokale Aktionsgruppen einzuladen und stritt entnervt darüber, wie man mit den Medien umgehen solle, die sendefähige Statements verlangten, ohne den langwierigen Prozess schildern zu wollen, in dem sich ein Protestcamp von seiner Wahrnehmung als Markenprodukt der Kunstszene zu befreien sucht.




























